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P.M. Specials: Sekten

Psychologie

Macht: Was sie mit uns macht. Und mit denen, die sie haben

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin 07/2003
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Man mag Genugtuung verspüren, wenn die Machtsucht die Mächtigen selbst beschädigt – grauenvoll wird es, wenn sie unschuldige Opfer zahllos in Tod und Verderben stürzen. Das zeigt die Geschichte tyrannischer Individuen und Ideologien bis heute, von Nero bis Hitler, von der Inquisition bis zum Kommunismus der Stalinära. Schwacher Trost für die Ausgelieferten, dass mörderische Tyrannen stets in Angst vor Tyrannenmord leben; Stalin wurde darüber irre, Ceausescu hat die Rache seines Volks in aller Öffentlichkeit ereilt. Wie Saddam Hussein auf der Flucht sich davor fürchtet, lässt sich gut vorstellen.

Blutige Perversionen von Diktatorenmacht sind in der Demokratie unmöglich – psychische Deformationen auf dem Weg zur demokratischen Macht aber unumgänglich. Vom tschechischen Präsidenten und Dichter Vaclav Havel stammt der Satz: »An der Macht bin ich mir ununterbrochen verdächtig.«

Auch uns sind die da oben, die Mächtigen, verdächtig. Und doch knicken wir vor ihnen ein. Lieben sie vielleicht sogar. Ist es ihr Charisma? Ihre Chuzpe? Wählen und bewundern wir denjenigen, dessen »Frechheit siegt«? Jedenfalls den, in dem wir uns vorteilhaft spiegeln können. In George W. Bush´s Cowboystiefeln mit dem groß eingeprägten Präsidentenemblem und in seinem fest vorgetragenen Glauben an sich selbst erkennt sich Amerikas Mehrheit wieder. In Italien zählt »bella figura«, die elegante Außenhülle. Dort regiert eine zeitlos typische Erscheinungsform von Machtarroganz. Das unverschämteste Beispiel diesseits von Afrika bietet gegenwärtig – mit seinem dubios erworbenen Wirtschafts- und Medienimperium, seiner Umbiegung missliebiger Gesetze – der Ministerpräsident unseres meistgeschätzten Urlaubslandes, Italiens Silvio Berlusconi.

Die Torheit der Regierenden: Platon entwarf gegen dieses »Übel für die Staaten« um 400 v. Chr. eine schöne, groß gedachte Vision: Entweder müssten die Könige Philosophen oder aber die Philosophen Könige werden. Doch zweifelte er später selbst an ihrer Realisierbarkeit und kam zu dem Schluss, Gesetze seien der einzige Schutz gegen Machtanhäufung, die selbst kluge Herrscher maßlos, ungerecht und willkürlich werden lasse. Keines Menschen Seele sei fähig, der Versuchung übermäßiger Macht zur Selbstherrlichkeit zu widerstehen.

 

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Autor/in: Rüdiger Dilloo

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