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P.M. Specials: Sekten

Psychologie

Macht: Was sie mit uns macht. Und mit denen, die sie haben

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin 07/2003
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Und es ist kein Einzelfall. Die Geschichte ist voll davon. Klassisches Beispiel der Antike ist Cäsar. Er besaß glänzende geistige und körperliche Fähigkeiten, Mut, Charme und Machtwillen; militärisches Talent ebenso wie volksnahe Großzügigkeit und Skrupellosigkeit bringen ihn an die Spitze des römischen Weltreichs. Nach erfolgreichen Feldzügen, von Spanien bis Kleinasien und Nordafrika bis zur Nordseeküste, lässt er sich 46 v. Chr. die größte Triumphfeier ausrichten, die Rom je gesehen hat – Fanfarenbläser, Elefanten mit Leuchtern auf den Köpfen, Gefangene in Ketten, Beutegut in endloser Wagenkolonne. Cäsar wird maßlos. Er lässt sich zum Diktator auf Lebenszeit ernennen, versucht die Jahrhunderte alte Republik abzuschaffen, demütigt die Senatoren. Zwei Jahre später verblutet Cäsar – im Senat, den er entmachten wollte – unter 23 Dolchstichen.

Mit dem großen Cäsar ist der große Napoleon oft verglichen worden, gern auch von sich selbst. Auch er hat den Bogen der Macht überspannt und sich als Opfer seiner Hybris selbst zugrunde gerichtet. Historikerin Barbara Tuchman zieht die Linie herrscherlicher Selbstüberhebung – »wenn wir ins Auge fassen, dass auch das Amt des amerikanischen Präsidenten ein Übermaß an Macht verleiht« – bis hin zu den Vietnamkriegsherren Lyndon Johnson und Richard Nixon. Beide glaubten, ihre Stellung berechtige sie zu lügen und zu täuschen.

Ein Gedankenspiel: Wer wäre aus deutscher, aus europäischer Sicht in eine aktualisierte Fassung von Tuchmans 1984 erschienenem Standardwerk aufzunehmen? Der brillante Kieler Abiturient Uwe Barschel nannte 1963 als Berufsziel »Bundeskanzler«. Er promovierte in Jura und Politologie, war im Alter von 34 Jahren CDU-Justizminister, mit 38 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Als 1987 seine Wiederwahl gefährdet schien, verleumdete er seinen SPD-Konkurrenten Björn Engholm mit sexuellen Unterstellungen; als der »Spiegel« dahinterkam, leugnete er im Fernsehen mit »Ehrenwort«; als seine Lüge entlarvt wurde, nahm sich Uwe Barschel in einer Hotelbadewanne das Leben.

Helmut Kohls Abgang von der politischen Bühne ist mit diesem schockierenden Ende eines Machtbesessenen nicht vergleichbar, vom Altkanzler schwand die Macht durch das normale demokratische Verfahren. Doch Kohls guter Ruf schwand durch Anmaßung, als er in der Parteispendenaffäre mit seinem dubiosen angeblichen »Ehrenwort« an anonyme Spender die rechtlich vorgeschriebene Offenlegung verhinderte. Und eine gewisse Margret Härtel demonstrierte gerade, dass Platons Erkenntnisse zur Torheit mächtiger Männer auch für Frauen gelten. Die Oberbürgermeisterin der Stadt Hanau war beliebt und erfolgreich, dann wurde sie überheblich und gemein. Vetternwirtschaft und Missbrauch von Steuergeldern hielt sie für ihr höheres Recht, sie fälschte Familienessen in Dienstspesen um und riet einer krank- geschriebenen Mitarbeiterin (in Aneignung allerdümmsten Macho-Denkens) sich therapeutisch mal richtig durchbumsen zu lassen. Und alle Macht wich von ihr. Mit mehr als 90 Prozent der Stimmen haben Hanaus Bürger die Dame aus dem Rathaus geworfen.

 

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Autor/in: Rüdiger Dilloo

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