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P.M. Specials: Sekten

Psychologie

Macht: Was sie mit uns macht. Und mit denen, die sie haben

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin 07/2003
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Was aber sind die Konsequenzen des Machtwillens? Darüber denken Philosophen schon seit 2500 Jahren nach. Mit Machtmissbrauch und Menschenrechten, Korruption und Herrscherwillkür, mit der Balance zwischen gesellschaftlicher Ordnung und individueller Freiheit haben sich von Aristoteles und Platon über Thomas von Aquin und Macchiavelli bis hin zu Nietzsche und Marx alle beschäftigt – es war wohl auch zu allen Zeiten nötig.

Die Denker betrachteten die Herrscher, und was sie sahen, war »Die Torheit der Regierenden«, so ein bekannter Buchtitel der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman. Sie gab ihm die aufschlussreiche Unterzeile »Von Troja bis Vietnam«. Die Trojaner zogen das sehr verdächtige hölzerne Pferd in ihre Stadt, obwohl sie allen Grund hatten, eine List der griechischen Belagerer zu vermuten. Törichte Zerstrittenheit der Herrscherkaste ließ Spanien den Mauren anheimfallen, törichte Dekadenz der Renaissancepäpste setzte die Reformation ins Recht. Dümmlicher Adelsdünkel provozierte den Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner gegen die englische Kolonialmacht, wahnhafter deutscher Dünkel – »wir sind die Herrenrasse« – setzte Europa in Brand. Und so weiter, und so fort. Warum riskierte Hitler die Invasion in Russland, obwohl die Versuche des Vorgängers Napoleon und des Vorvorgängers Karl XII. von Schweden katastrophal geendet hatten? Warum ignorierten Johnson, Nixon, Kissinger, Dulles die noch blutfrische Niederlage der französischen Kolonialmacht in Indochina und befahlen Krieg gegen Vietnam? Ein fernes Land, das nichts wollte als seine Unabhängigkeit? Die Machthaber in Washington ließen 1,5 Millionen Vietnamesen töten und 45000 amerikanische Soldaten sterben, bevor sie gedemütigt den Schwanz einzogen. Zählt Erfahrung nichts in der Geschichte? »Welche Lehren könnte sie uns erteilen!« klagte der englische Dichter Samuel Coleridge vor 200 Jahren. »Aber Leidenschaft und Parteigeist machen unsere Augen blind, und das Licht, das die Erfahrung spendet, ist eine Laterne am Heck, die nur die Wellen hinter uns erleuchtet.«

Leidenschaft und Parteigeist. Ehrgeiz, Herrschsucht, Selbsttäuschungen. Vorurteile, Angst vor Gesichtsverlust – die Torheit der Regierenden hat viele Gesichter. Eines davon: sexuelle Verführbarkeit. »Macht ist das stärkste Aphrodisiakum«, bekannte der amerikanische Außenminister Henry Kissinger kokett. Soweit das bloß den Sex betrifft – warum nicht; legendäre Amouren der Herrschenden haben auch uns, die Beherrschten, in der Regel gut amüsiert, von Cäsar und Kleopatra bis Kennedy (1600 Quickies!) über Mao (5000!! täglich eine Jungfrau!!!) und Clinton (2 Blowjobs) – so jedenfalls wird kolportiert. »Ich kenne keinen Staatspräsidenten«, sagte Francois Mitterand, »der nicht wenigstens ein Stück weit der sexuellen Verlockung nachgegeben hat. Das allein ist ein Grund zu regieren.« Macht macht potent.

Doch wenn diese Potenz sich zur Omnipotenz auswächst und Allmachtsfantasien gebiert, dann wird es gefährlich, für den Herrscher und die Beherrschten. Denn mit dem Allmachtsgefühl kommt die trügerische Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein. Der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara beschreibt in seinem Buch »Vietnam – Das Trauma einer Weltmacht« sehr selbstkritisch die verhängnisvollen Auswirkungen dieser Besserwisserei. Sie alle fegte Warnungen und Gegenargumente vom Tisch, diffamierte jeden Andersdenkenden und führte so zu völlig irrationalen Entscheidungen, die – wie schon erwähnt – Hunderttausenden Menschen das Leben kostete. »Das heilige und goldene Leitzeug der Vernunft«, das Platon den Mächtigen einst hoffnungsvoll in die Hand wünschte, entglitt ihnen. So ist McNamaras Buch zu einem Lehrstück über Torheit und Verblendung geraten.

 

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Autor/in: Rüdiger Dilloo

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