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P.M. Specials: Sekten

Psychologie

Macht: Was sie mit uns macht. Und mit denen, die sie haben

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin 07/2003
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»Die größte Freude im Leben ist es, seine Feinde erbarmungslos zu schlagen und zu töten, ihre Pferde zu reiten und ihre Frauen und Töchter zu schänden.« Mit dieser Motivation hat der »Genussmensch« Dschingis Khan um das Jahr 1200 die halbe damals bekannte Welt erobert. Seine Erfolgsgrundlagen waren, in dieser Reihenfolge: Faustrecht und skrupellose Unterdrückung; ausgefeilte Kriegskunst seiner Reiterheere; strategische Allianzen zum Machterhalt. Dschingis Khan ist Geschichte, lang vergangen. Aber wenn man seine Prinzipien (schlagen, töten, schänden, erobern) von dieser Ebene körperlicher Gewalt auf eine psychisch-strukturelle hebt – gelten sie nicht bis heute?

Machthunger, das Bestreben, Kontrolle auszuweiten, ist ein zentrales menschliches Motiv«, sagt der Münchner Sozialpsychologe Dieter Frey. Der Stärkere überlebt, fressen oder gefressen werden – ein Grundgesetz der Evolution wirkt bis heute, wenn auch zivilisiert und in Nadelstreifen. Professor Frey vermutet hinter mancher großen Firmenfusion weniger wirtschaftliche Vernunft als irrationalen Eroberungshunger. Größenwahn, Eitelkeit, Selbstbereicherung: Die gegenwärtige Entzauberung der Managerkaste bestätigt, wie klein der Schritt von produktivem Machtwillen zu destruktivem Machtmissbrauch ist. Eine Einsicht, so alt wie die Menschheit.

Als in der Vorzeit alle Macht noch vom körperlich Stärksten ausging, stellte sich die Frage von Machtmissbrauch erst gar nicht. Wenn er sich einmal an die Spitze gekämpft hatte, konnte sich der dominante Alpha-Mann alles herausnehmen – bis ein Nachfolger der nächsten Generation ihn erschlug oder verjagte. Dementsprechend blutig erzählen die Mythen – wie die germanische Edda, die griechischen Göttersagen – von Rivalenmord, von Vater-, Bruder-, Gatten- und vorausschauendem Kindermord in schier unfasslicher Folge. Die menschliche Frühgesellschaft ist aus einer tyrannischen Affengesellschaft entstanden, darüber sind sich Anthropologen und Biologen heute weitgehend einig. Doch auch bei unseren tierischen Verwandten hat sich das nackte Faustrecht allmählich verfeinert: Während Rhesusaffen vom Stärksten der Sippe ganz einfach terrorisiert werden, haben Schimpansen ein wechselseitiges Kontrollsystem entwickelt. Nur wenn seine Führung als nützlich für alle anerkannt wird, kann der Alpha-Schimpanse sich langfristig halten. Der Vergleich mit Diktatur und Demokratie in der Menschengesellschaft liegt nahe. In aktueller Umkehrung der Analogie wäre dann der Folterer Saddam Hussein als Rhesusaffe anzusehen. George Bush, rein metaphorisch, als Schimpanse.

Die Primatenforschung hat die animalischen Wurzeln unseres Machtdrangs bloßgelegt. Aber anders als bei Tieren spielen körperliche Größe und Stärke beim Menschen keine entscheidende Rolle mehr. Was ist es dann, das menschliche Alpha-Männchen und -Weibchen dazu befähigt, die Macht zu ergreifen und sie im Griff zu behalten? Eine Art ausblendende, partielle Intelligenz scheint Bedingung zu sein: Wer zu viel nachdenkt, kommt nicht zum Arbeiten, sagte Gerhard Schröder, bevor er Kanzler wurde. »Mangel an Menschenkenntnis ist in der Politik Führungsvoraussetzung«, sagte Holger Börner, nachdem er Ministerpräsident war. »Im Abstoßen und Bekämpfen von anderen müssen Sie brutal sein, und das halten Sie nur aus, indem Sie menschliche Regungen sich selbst und anderen gegenüber ausblenden.« Sagte Karlheinz Blessing, einst SPD-Geschäftsführer. Starke Worte.

 

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Autor/in: Rüdiger Dilloo

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