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P.M. Specials: Sekten

Psychologie

Macht: Was sie mit uns macht. Und mit denen, die sie haben

Sekten gewinnen Macht über Menschen.  Machtgerangel gehört zu unserem Alltag. Doch was bringt Menschen dazu, bis an die Spitze zu kommen? Ist der ideale Sektenführer besonders hart mit sich und anderen, oder ist er einfach klüger als andere?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin 07/2003
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Macht: Sie gibt Kraft, die andere zu spuren bekommen
iStockphoto

Der Machtwille ist uns angeboren, und Machtgerangel gehört zu unserem Alltag. Doch was bringt Menschen dazu, bis an die Spitze zu kommen? Sind sie härter? Schlauer? Und wie können wir sie – und uns – vor dem Rausch der Macht schützen?

Die Schlange der Hoffnungsvollen ist lang vor der Nobeldisco, wie üblich an den Wochenenden. Der Türsteher, groß, gut aussehend, charmant und brutal zugleich, hat schon eine halbe Stunde lang niemand hineingelassen. Nicht weil es drinnen zu voll wäre – das Wartenlassen ist Taktik. Ein Machtspiel als Nachtspiel, das dem Münchner Club »P1« den Ruf einbrachte, »die härteste Tür der Stadt« zu haben. Vor dem Machthaber am Einlass wedeln Männer gelegentlich mit großen Scheinen, Frauen setzen andere Mittel ein: »Es passiert nicht selten«, sagt Türsteher Sebastian, »dass sich Mädchen vor der Tür ausziehen und sagen: Hallo, wenn du mich reinlässt, dann gehört das alles dir.«

Nach zehn Jahren Berufspraxis weiß der Mann, wovon er redet – und warum erinnern uns seine nächsten Sätze plötzlich an die hohe Politik? »Viele scheitern an diesem Job«, sagt er, »weil sie mit dem doppelten Druck von unten und von oben nicht zurecht kommen.« Er meint den Druck der Gäste, die hinein und den der Clubchefs, die Exklusivität wollen. Der Satz des Türstehers könnte aber auch von einem selbstkritischen Bundestagsabgeordneten stammen: Von unten machen seine Wähler Druck, denen er dies und jenes versprochen hat, von oben sein Fraktionsvorsitzender, den das überhaupt nicht interessiert.

Zwei Regeln hat Sebastian, Beherrscher der härtesten Discotür, über die Macht gelernt: »Du musst hart sein können. Und du darfst sie nicht missbrauchen.«

Lässt sich das verallgemeinern? Zunächst Regel eins. Aus eigener Kraft hat es ohne Härte tatsächlich vom Altertum bis zur Berliner Republik, von Cäsar bis Schröder, von Dschingis Khan bis George W. Bush und von Kleopatra bis Maggie Thatcher noch keiner und keine bis zur Spitze geschafft. (Auch nicht unser Chef am Arbeitsplatz, genau genommen.) Und ohne Härte kann sich wohl auch niemand oben halten. Aber Regel zwei, kein Machtmissbrauch? Da fallen uns doch sofort reichlich Gegenbeispiele ein, und nicht nur Diktatoren in Nahost.

Das Wort Macht hat keinen angenehmen Klang. Gesprochen kann es knallen wie ein Peitschenhieb, und dem entsprechen die gedanklichen Assoziationen. Macht verdirbt den Charakter, Machtinstinkt ist verdächtig, Machtgeilheit ist unanständig. Machtmissbrauch gehört bestraft. Die Macht der Banken ist unheimlich. Andererseits sprechen wir auch von der Macht der Liebe, der Macht des Glaubens, des Verzeihens. Und im Wort Machtmensch – schwingt da nicht auch Bewunderung mit, manchmal Neid? Macht ist vielschichtig, eine Konstante der Menschheitsgeschichte. Denn Leben heißt Zusammenleben, niemand ist eine Insel. Zusammenleben aber heißt immer und überall: Wer gibt nach, wer setzt sich durch? Wer gewinnt, wer verliert?

In den großen Machtarenen von Politik und Wirtschaft ist das offensichtlich. Dass es genauso zwischen Ehepartnern, Kollegen, Freunden, Geschwistern gilt, wird uns weniger bewusst. Selbst mit völlig Unbekannten verwickeln wir uns in Machtspiele: mit der hochnäsigen Verkäuferin in der Jeansabteilung. Mit dem pampigen Kellner im Touristencafe. Dem Autofahrer, der die Lücke schließt, wenn wir überholen wollen. (Manchmal sind wir selbst jener Autofahrer.) Immer geht es darum, wer sich durchsetzt, und sei es nur für den Moment. Schon im Kindergarten lernen wir danach zu handeln. Doch warum gelingt es manchen, sich über das Kleinklein des alltäglichen Gerangels bis an die Spitze der Macht zu erheben? Haben sie Eigenschaften, die wir nicht haben? Oder sind sie bloß härter, schlauer, rücksichtsloser?

 

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Autor/in: Rüdiger Dilloo

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