Maya
Das Geheimnis der Maya
Die Hochkultur der Maya – vor 1000 Jahren war sie plötzlich weg. Woran zerbrach das schönste Reich der Welt? Forscher versuchen, die Ereignisse zu rekonstruieren – damit wir heute daraus lernen können!
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Unbeirrt geht John Lloyd Stephens dem Untergang entgegen. Von Moskitos zerstochen, vom Tropenregen durchweicht, gegen den Willen störrischer Maultiere und Dorfgranden führt der Amerikaner seine kleine Expedition in den Westen Honduras’. Ergriffen steht er schließlich am Ziel: im Dunkel des Urwalds, über ihm Affen und Papageien, vor ihm die Erfüllung seiner Träume – Ruinen.
»Die Trümmerstadt lag vor uns gleich einer inmitten des Meeres zerschellten Barke. Ihre Maste sind verloren, ihr Name verschwunden, ihre Besatzung untergegangen«, notiert der Amateur-Archäologe 1839 in seinem Reisebericht. Stephens’ Geisterschiff heißt Copán. Jahrhundertelang ist die alte Stätte der Maya vom Wald zugewuchert worden, nur die Einheimischen kennen die verborgenen Monumente, Pyramiden und Paläste.
Stephens weiß nicht, dass er mit der Entdeckung dieser Trümmerfelder den Grundstein zur modernen amerikanischen Archäologie legt, dass dies erst der Anfang ist: immer neue Maya-Siedlungen werden gefunden. Immerhin ahnt er, dass er Bedeutendes entdeckt hat: das Vermächtnis einer Hochkultur. »Amerika, sagen die Historiker, sei von Wilden bevölkert gewesen, aber Wilde haben niemals diese Steine gemeißelt ...«, schreibt er. Ein faszinierendes Rätsel ist ihm diese Welt, die, so scheint es nach ersten Untersuchungen, ausgerechnet in ihrer Blütezeit ein ganz plötzliches Ende fand.
Das Geheimnis der Maya zu lüften – dieser Aufgabe haben sich seither Generationen von Archäologen verschrieben. Der Kollaps einer Zivilisation macht uns die Vergänglichkeit unserer eigenen Welt bewusst. Es wird von existentieller Bedeutung, zu verstehen, warum selbst eine hochentwickelte Gesellschaft ihren Untergang nicht abwenden konnte.
Hunderte kleinerer und größerer Siedlungen wurden von Stephens und seinen zahlreichen Nachfolgern in fast 170 Jahren Forschungsarbeit entdeckt. Und das war längst noch nicht alles, sind sich die Experten einig. Noch mehr davon muss im Wald verborgen liegen: grandiose Pyramiden mit breiten Steintreppen, großzügige Paläste, kunstvoll beschriebene Stelen und Tafeln, die Menschen mit prächtigem Schmuck zeigen. Die rätselhaften Ruinen liegen auf 324000 Quadratkilometer verteilt – ein Gebiet, kaum kleiner als Deutschland. Das Maya-Land reicht vom Tiefland der mexikanischen Halbinsel Yucatán über Chiapas, Belize, Guatemala und Honduras bis hin zum südlichen Hochland und der Pazifikküste.
Eine riesige Spielwiese für die Fantasie. Im Gegensatz zu den alten Ägyptern, Griechen oder Römern waren die Maya bis ins 19. Jahrhundert über ihre Grenzen hinaus unbekannt. Über sie gab es nur wenige vage Berichte aus den Zeiten der spanischen Konquistadoren. Lange wusste man über die Maya derart wenig, dass der Vorstellungskraft kaum Grenzen gesetzt waren. Bis heute ist vieles ungeklärt. Der ganz besonderen Faszination des einstigen Imperiums erliegen Menschen aus der ganzen Welt: Millionen Touristen besuchen alljährlich die Ruinen.
»Es gibt den menschlichen Impuls«, schreibt der amerikanische Maya-Archäologe David Webster, »sich alter Kulturen zu bemächtigen«, um eigene Ängste oder Hoffnungen darauf zu übertragen. So entstand ein Mythos, der die Maya idealisierte. Die spärlichen bekannten Details wurden bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts äußerst kreativ interpretiert. Zu schön, um so einfach wahr zu sein: Vor 3000 bis 4000 Jahren hätten die Maya aus dem Nichts heraus mit dem Aufbau ihrer Hochkultur begonnen. Bauern bearbeiteten den Boden im Einklang mit der Natur und versorgten die weisen Priester-Könige, die den Kosmos studierten. Sie entwickelten Kalender und Schrift, errichteten Zeremonien-Zentren, architektonische Meisterleistungen. Friedlich hätten sie expandiert, Kriege nicht gekannt. In der klassischen Periode, den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt, habe dieses Volk seinen Höhepunkt erreicht.
Und dann, ganz unvermittelt, noch vor dem Jahr 1000 – das Aus. Ende, Untergang. Irgendetwas war schiefgelaufen, und zwar gründlich. Die Hochkultur war plötzlich zusammengebrochen.
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