Gehirn
Der Buddha in jedem von uns
Eine Revolution der Hirnforschung verändert unser Menschenbild: Das Gehirn ist viel wandlungsfähiger, als wir dachten. Mit der Kraft des Geistes ist fast alles möglich – buddhistische Mönche wussten es schon immer.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Seine Heiligkeit suchte den Geist. Doch was der Dalai Lama auf dem Monitor sah, war bloß eine gräuliche, gallertartige Masse. Materie, nichts als Materie.
Ende der 1990er Jahre durfte das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus an einer US-Klinik einer Gehirnoperation beiwohnen. Stundenlang verfolgte der Dalai Lama die Demonstration westlicher Hochleistungsmedizin. Es war eine Begegnung zwischen fremden Welten. Auf der einen Seite die moderne Neurowissenschaft, aufgerüstet mit Hightech-Computern und riesigen, gefährlich brummenden Kernspintomografen – auf der anderen Seite die kontemplative Welt buddhistischer Klöster und fernöstlicher Spiritualität.
Nach dem Eingriff plauderte der Dalai Lama noch ein wenig mit den Chirurgen. Der Mann aus Tibet erzählte, wie ihm Neurologen einmal die Funktionsweise des Gehirns erklärt hatten. Welche neuronalen Schaltkreise für die Wahrnehmung zuständig seien. In welchen Hirnregionen sich Erinnerungen bildeten. Wie unsere Emotionen entstünden. Dass auch das menschliche Bewusstsein nur das Produkt elektrochemischer Prozesse sei – und mit dem Tod auch unser Selbst erlösche.
Doch eine Frage lasse ihn seither nicht los, sagte der Dalai Lama zu den Neurochirurgen: Wenn das Gehirn das Denken hervorbringe – könne dann unser Denken nicht auch die Schaltkreise in unserem Gehirn verändern? Der Geist also zurückwirken auf die Materie? Die Chirurgen waren irritiert. Das sei natürlich unmöglich, antwortete einer von ihnen freundlich, aber bestimmt – geistige Aktivitäten hätten keinerlei physikalischen Einfluss auf das Gehirn. Der Dalai Lama ließ es dabei bewenden. Die Behauptung des Chirurgen stand nicht bloß im Gegensatz zur jahrtausendealten Tradition buddhistischen Denkens. Sie widersprach auch den bahnbrechenden Erkenntnissen einiger Revolutionäre der Neurowissenschaft.
Unser Gehirn kann sich demnach immer wieder neu verdrahten. Ständig baut es sich um, knüpft neue Netzwerke und Verbindungen. Da können ganze Hirnregionen expandieren oder mit anderen verschmelzen. Da können Hirnareale, die eigentlich fürs Sehen zuständig sind, plötzlich hören oder fühlen. Und das Gehirn kann auch beschädigte Regionen wiederherstellen – und sogar neue Nervenzellen produzieren.
»Neuroplastizität« heißt diese wundersame Wandelbarkeit. Unser Gehirn reagiert auf die Umwelt, auf neue Anforderungen und Erfahrungen. Und immer mehr Hirnforscher sind heute davon überzeugt, dass die scheinbar naive Frage des Dalai Lama zutiefst berechtigt war. Einerseits bringt das Gehirn unser Denken hervor. Doch zugleich verdichten sich die Hinweise, dass unser Denken auch das Gehirn verändert – und zwar viel tiefgreifender, als wir jemals dachten.
Die Erkenntnis könnte unser Bild vom Selbst revolutionieren, meint der Neuropsychiater und Buchautor Norman Doidge (»Neustart im Kopf«, Campus Verlag) – mit weitreichenden Konsequenzen für unser Leben, für Medizin und Psychotherapie, für Erziehung, Kultur und Gesellschaft.
Die Entdeckung der Neuroplastizität widerspricht den mechanistischen Vorstellungen, von denen die Neurowissenschaft mehr als ein Jahrhundert lang ausgegangen war. Nur in der frühen Kindheit, so waren die Forscher überzeugt, können neue Nervenzellen und neuronale Schaltkreise entstehen. Das erwachsene Gehirn hingegen galt als fest verdrahtet und starr. Zwar führen Lernprozesse zur Verstärkung synaptischer Verbindungen, doch diese Veränderungen hielt man für lokal begrenzt und geringfügig. Im Großen und Ganzen schien das Gehirn unwandelbar – wie eine Maschine.
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