Geologie
Die Erde brummt
Vor elf Jahren entdeckten Forscher, dass unsere Erde sehr tiefe Basstöne von sich gibt. Seither versuchen die Forscher herauszufinden, woher die Töne stammen und was sie über die »Gesundheit« der Erde verraten.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Sie sind unter uns, schon seit geraumer Zeit. Sie sind nicht zu sehen, nicht zu hören, nicht zu spüren. Sie sind überall, doch niemand weiß, woher sie kommen. Hätte die Erde eine Stimme, sie wären die Stimme der Erde.
Die Erde brummt – nicht wie ein alter Seebär, sondern wie ein unmusikalisches Orchester: Unzählige Schallwellen durchziehen den Planeten, versetzen den Boden in Schwingung und vereinigen sich zu einem vielstimmigen Grummeln. Mehr als 60 unterschiedliche Frequenzen haben Wissenschaftler mittlerweile ausgemacht. Allesamt liegen sie ein Dutzend Oktaven unter dem niedrigsten Ton, den das menschliche Gehör wahrnehmen kann. Zum Glück: So bleibt den Menschen die unterirdische Kakophonie erspart.
Der Bassgesang der Erde
Seismologen dagegen würden am liebsten keinen einzigen Ton verpassen, hoffen sie doch, aus dem Bassgesang mehr über die Erde zu erfahren. Doch je genauer sie in den letzten Jahren hingehört haben, desto vielfältiger und mysteriöser erscheinen ihnen die Töne. Es ist fast, als wolle die Erde uns etwas sagen – nur keiner versteht sie.
Rudolf Widmer-Schnidrig versteht sie auch nicht, aber er hört ihr wenigstens zu. Seit fast zehn Jahren belauscht der Seismologe nun schon unseren Heimatplaneten – in einem stillgelegten Silberbergwerk, das die Universitäten Karlsruhe und Stuttgart Anfang der 1970er Jahre in einen geologischen Horchposten verwandelt haben. Nur eine schmale Straße schlängelt sich vom Schwarzwald-Örtchen Schiltach zum Observatorium. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Computer im lang gestreckten Laborhaus haben noch Diskettenlaufwerke. Das Telefon im Flur sieht aus, als müsse es angekurbelt werden. An dünnen Holzwänden hängen die klassischen Ergebnisse der Seismografen: lange Papierstreifen mit zittrigen Linien.
Doch Rudolf Widmer-Schnidrig hört aus ihnen den Klang unseres Planeten. »Die Erde ist wie eine große Glocke«, sagt der 50-Jährige und deutet auf eine Glasglocke, die er an einem Metallgestell aufgehängt hat. In den kommenden Tagen will die lokale Politprominenz vorbeischauen, da soll die Glocke als Anschauungsmaterial dienen. Widmer-Schnidrig schlägt mit einem Schraubenzieher dagegen, ein tiefer Klang ertönt. »Das Gleiche passiert in der Natur bei einem Erdbeben«, erklärt er. »Ich kann die Glocke aber auch raus in den Wind hängen, dann fängt sie leise an zu summen.« Genau wie die Erde. Es sind diese Eigenschwingungen, die Seismologen faszinieren – und gleichzeitig verstören.
Seit fast 40 Jahren registriert ein globales Netzwerk von Messgeräten die Erdschwingungen, doch viel zu lange haben sich Forscher einzig für den Nachhall von Erdbeben interessiert. Erst 1998 hat eine japanische Forschergruppe genauer hingeschaut und erkannt, dass unser Planet auch dann schwingt, wenn es keine Erdstöße gibt: Wie eine große Seifenblase, die in der Luft wabert, ändert er langsam seine Form. Seine kugelige Gestalt plattet sich Richtung Kürbisform ab, steckt sich dann Richtung Eiform und wandelt sich wieder Richtung Kürbisform. Dabei vergehen bis zu sieben Minuten.
»Würde man die Bewegung auf der Erde spüren, man könnte seekrank werden«, sagt Widmer-Schnidrig: Angeregt vom irdischen Brummen, bewegt sich die Erdoberfläche ganz langsam auf und ab, vorwärts und rückwärts – wie ein Schiff, das von den Wellen hin und her geworfen wird.
Was den Globus in Schwung hält, ist noch immer nicht geklärt. Ursprünglich hatten die Seismologen kleine Erdstöße im Verdacht, die den Planeten permanent erschüttern, aber nicht in den Aufzeichnungen der Erdbebenwarten auftauchen. Doch ihre Wirkung ist zu klein: Das Brummen der Erde verbraucht pro Tag eine Energie, die einem Erdbeben der Stärke sechs entspricht. Selbst viele kleine Stöße zusammen würden niemals diese Wucht aufbringen. Auch Theorien, die Sonne könnte das Erdmagnetfeld zum Schwingen bringen, wurden schnell wieder verworfen – genauso wie die Idee, turbulente Strömungen im flüssigen Erdkern brächten die tiefen Töne hervor.
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