Psychologie & Gesundheit
Reizüberflutung
Sex an jeder Ecke
In Zeitschriften, Filmen, im Internet: Wohin wir auch blicken, begegnet uns nackte Haut. Warum interessiert uns das eigentlich immer wieder, auch wenn wir es längst kennen?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Perspektive
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Schon bei der Zeitungslektüre am Frühstückstisch erfolgt die erste Attacke. »So seufzt sie vor Glück – der weibliche Orgasmus ist endlich erforscht!«, heißt es in einer Anzeige, mit der das Fitness-Magazin »Men’s Health« auf sich aufmerksam machen will. Mit Erfolg. Denn wie soll ich mich jetzt noch für einen nüchternen Bericht über die Große Koalition oder gar den Wirtschaftsteil interessieren? Stattdessen kommen Selbstzweifel auf. Wünschen sich Frauen auf ihrer Suche nach Seufzern des Glücks wirklich nur Männer mit so beeindruckenden Waschbrettbäuchen, wie sie »Men’s Health« auf seinen Titelseiten gerne präsentiert?
Fragen wir doch mal einen Fachmann, den Hamburger Sexualwissenschaftler Professor Wolfgang Berner. Er sagt, dass es eine ganze Reihe von »Signalen der Liebe« gibt. Das sind Reize, die aus evolutionsbiologischen Gründen auf uns wirken – und der Waschbrettbauch ist eines dieser vielen Signale. Er steht für Kraft und Gesundheit. Und darauf stehen die Frauen – was für einen normal gebauten Mann natürlich kein Trost ist.
Der Tag kann also nur besser werden. Im Büro, nach dem Einschalten des Computers, öffnet sich mein E-Mail-Programm. Mal sehen, was da über Nacht so eingetrudelt ist. Ein Schreiben von einem Harmon Charles, er will mir Viagra verkaufen. Und ein Christian Mitchell fragt: »Warum noch länger ein durchschnittlicher Mann sein?« Er bietet eine Penis-Vergrößerung an, mit Hilfe eines Wirkstoffpflasters. »Nehmen Sie wie Millionen anderer Männer an einer Revolution teil!« fordert Mitchell mich auf.
Dieser Umsturz ist buchstäblich mit Händen zu greifen, zumindest für eine neben der Nachricht abgebildete hellhäutige Frau. Ihre Augen sind vor Staunen aufgerissen, angesichts eines mächtigen Gliedes, das von der Seite ins Bild hineinragt und zu einem dunkelhäutigen Mann gehört.
Zweite Frage an den Fachmann: Nicht nur Männer haben mir geschrieben. Da ist auch noch eine Vicky, angeblich eine Studentin, die »kurz nach Deutschland gekommen« ist und hier »nach einem Sex-Partner sucht«. Ihre Ansprüche halten sich charmant in Grenzen, ebenso wie die Zahl der verwendeten Kommas: »Alles was ich brauche ist ein guter Mann«, flötet die Bescheidene. Doch die Internet-Adresse, die sie angibt, führt nicht zu ihr, sondern auf eine wirre Sex-Seite. Frauen sind halt kompliziert.
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