Psychologie & Gesundheit
Evolutionsbiologie
Wut: Positive Energie, geächtetes Gefühl
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Wut ist wohl die stärkste unserer Emotionen – und die mit dem schlechtesten Image. Wer wütend ist, gilt als unbeherrscht und überemotional. Warum eigentlich?
Ein dicklicher Mann im weißen Hemd sitzt im Großraumbüro und dampft vor Wut: Mit den Fingern hämmert er auf der Tastatur herum. Der Computer ist gerade zum wer-weiß-wie-vielten Mal ausgestiegen. Da rastet der Mann völlig aus: Mit den Fäusten donnert er auf die Tastatur, dann nimmt er sie hoch wie einen Knüppel und schlägt mit ihr den Bildschirm vom Tisch. Der Monitor stürzt zu Boden und zersplittert, erschrocken ducken sich die Kollegen hinter dem Sichtschutz. Wutschnaubend versetzt der Mann dem zertrümmerten Monitor noch einen kräftigen Tritt und verlässt seine Arbeitszelle.
Der kurze Film »Schlechter Tag im Büro« ist über das Filmportal YouTube um die Welt gegangen. Tausende Büroarbeiter lachen über den Mann, der seinen Computer in rasender Wut zertrümmert. Man lacht, weil sich wohl jeder schon einmal gewünscht hat, einfach reinzuhauen in das Gerät, das nicht macht, was es soll. Aber man lacht auch, weil man froh ist, dass man nicht der Gewalttäter ist, sondern sich besser im Griff hat.
Wut: Was ist das für ein Gefühl, das uns übermenschliche Kräfte verleiht – und den Verstand raubt? Vorsicht und Mitgefühl sind Fremdwörter, sobald die Wut herrscht. Woher kommt diese ungeheure Energie, die Wut freisetzt? Wann wird aus dem kleinen Ärger die große Wut? Wie sollte man dem starken Gefühl begegnen? Rausbrüllen? Runterschlucken? Joggen gehen?
Aus Sicht der Evolutionsbiologie ist die Wut unsere stärkste natürliche Waffe und hat sich deshalb im Laufe der Evolution zu einen festen Bestandteil des menschlichen Wesens entwickelt. Mit Wut reagieren wir, wenn jemand unser Leben attackiert oder lebenswichtige Ressourcen: wenn ein Angreifer mit einem Messer auf uns losgeht, ein Hund zähnefletschend nach unserem Kind schnappt oder ein Dieb uns die Handtasche entwenden will. Die Wut ist die große Schwester des Ärgers. Die Reaktion auf Ärgernisse in XXL-Format.
Und sie gibt uns auch Kraft und Furchtlosigkeit im XXL-Format, um die akute Bedrohung aus dem Weg zu räumen: Der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich – vor allem in den Armen, die im Kampf wichtig sind. Konsequenzen? Risiko? Egal! Die Wut macht auch den Schwächling für Minuten zur angriffslustigen Bestie. Wut war die Lebensversicherung des Urzeitmenschen: schneller als der Verstand und extrem schlagkräftig.
Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich die urwüchsige Emotion allerdings weiterentwickelt – ebenso wie Sozialverhalten und Empfinden der Menschen. Das moderne Sozialwesen Mensch reagiert auch mit Wut, wenn es Lebenswichtiges im übertragenen Sinn bedroht sieht: sein Selbstwertgefühl, seine Wertvorstellungen oder seinen guten Ruf.
Dabei ebnet das innere Gefühl von Wut nur den Weg für das darauf folgende Verhalten, zum Beispiel den aggressiven Ausbruch. Zwischen Gefühl und Handlung steht aber noch unser Verstand als Regulativ. »Eine Emotion besteht aus verschiedenen Komponenten«, erklärt Regina Krieglmeyer, Emotionsforscherin an der Universität Würzburg, »der physischen Erregung, der kognitiven Bewertung dieser Erregung und einem Verhalten.« Das heißt: Ob wir ein Erlebnis als großes Ärgernis oder kleines Unbehagen einstufen, entscheidet unser Verstand. Wir können wählen, ob wir nur wütend gucken, ob wir rumschreien oder ob wir gar zuschlagen. Welche Antworten unser Verstand parat hat, hängt dabei stark von unseren Erlebnissen in Kindheit und Jugend ab.
Im zweiten Lebensjahr zeigt sich unsere Wut nämlich das erste Mal in voller Größe: Die Trotzphase beginnt. Die Kinder wälzen sich brüllend am Boden – und das nur, weil die Mutter helfen wollte, die Schuhe anzuziehen. Meist heißt es, die trotzenden Kinder wollten Grenzen austesten und Aufmerksamkeit erzwingen. Doch die Evolutionsbiologie liefert neue Gedanken: »Die kindliche Entwicklung hat sich im Laufe der Evolution daran angepasst, dass bald ein neues Baby die helfenden Arme der Mutter belegt«, erklärt der Kinderarzt und Evolutionsforscher Herbert Renz-Polster. Ziel des Kindes ist maximale Selbstständigkeit mit drei Jahren, wenn Mamas Hilfe wegfällt: allein anziehen, essen, Hindernisse überwinden. Der Entwicklungsmotor der Zweijährigen läuft also im Turbogang – und dreht durch, wenn er in seiner Fahrt behindert wird. Die logische Reaktion: Wut!
Ein liebevoller Umgang der Eltern mit den Wut-Impulsen des Kindes legt den Grundstein für ein stabiles Selbstwertgefühl. Klare Regeln und das Vorbild der Eltern helfen dem Kind dabei, seine Wutgefühle immer differenzierter wahrzunehmen und besser zu regulieren. Das Kind lernt, dass man mehr erreicht, wenn man bei Unmut kommuniziert, statt loszubrüllen. Es entwickelt Empathie und ein Interesse am Wohl der anderen Menschen. Eine positive Spirale emotionaler Kompetenz kommt in Schwung.
Als Erwachsener ärgert sich so ein Mensch, wenn der Computer versagt – und ruft dann die Hotline an. Fühlt er sich beleidigt, sagt er dem Angreifer seine Meinung. Wird er tätlich angegriffen, wird er sich vermutlich sogar körperlich wehren. »Menschen, die ihre aggressiven Impulse positiv nutzen können, haben viele Möglichkeiten entwickelt, um auf Angriffe oder Ärger zu reagieren. Wutausbrüche, die sie unkontrolliert mitreißen, erleben sie nur selten«, weiß Jens Weidner, Aggressions-Experte und Professor für Kriminologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Eine gute Voraussetzung für ein Leben, das von persönlichem Erfolg, Zufriedenheit und sozialer Akzeptanz geprägt ist.
Anders bei Menschen, die als Kinder vernachlässigt und misshandelt wurden. Ihre regulierenden Kräfte für Ärger und Aggression sind auf mehreren Ebenen geschwächt: Aggressive Ausbrüche als Reaktion auf Unmut sind ihnen vertraut, Handlungsalternativen dagegen fremd. Ihr Selbstwert ist schwach, weil sie sich als Kind nie als wertvoll erleben konnten. Ihre Empathie und damit die Abneigung, anderen Menschen zu schaden, ist wenig ausgeprägt. »Eine Grundlage für häufige Wutattacken ist das Gefühl dauerhafter Ungerechtigkeit und dauerhafter Kränkungen«, weiß Weidner. Schon ein defekter Computer oder ein bockiger Sprössling wird als Angriff auf die eigene Person wahrgenommen und mit Wut und aggressivem Handeln abgewehrt.
Aus gesellschaftlicher Sicht ist der aggressive Lebensweg eine Sackgasse. Aus biologischer Sicht vielleicht nicht: »Wer schon als Kind in einem unsicheren Umfeld aufwächst, kann sich darauf einstellen, dass sein Leben hart wird«, erklärt Evolutionsforscher Renz-Polster. Viel Egoismus und wenig Empathie könnten in so einem Leben sogar hilfreich sein. Antisoziales Verhalten wäre demnach ebenso eine Anpassung ans Leben wie soziales Verhalten.
In unserer heutigen Gesellschaft gibt es allerdings für die Lebenstaktik des egoistischen Haudraufs keine Nische mehr. Das war in vorigen Jahrhunderten noch anders. Ein Pirat wie Francis Drake besaß riesige Gewaltbereitschaft und wenig Skrupel. Aus bloßer Wut brannte er mehrfach ganze Städte nieder – und wurde dafür nicht etwa sozial geächtet, sondern 1581 zum Ritter geschlagen. Heute würde man vermutlich nicht einmal mehr einen Choleriker wie Klaus Kinski am Filmset akzeptieren. Sogar der Büro-Wüterich verliert vermutlich seinen Job.
Vor allem in den letzten 60 Jahren ist das aggressive Wutgebaren ins Abseits gerückt. Aus gutem Grund: »Die deutschen Wut- und Gewaltausbrüche – man denke nur an die Brandreden von Goebbels und Hitler – haben die Welt in zwei Weltkriege gestürzt«, erklärt der Psychologe Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut, der über 10.000 Tiefeninterviews geführt hat, um die Gefühlslage der Deutschen zu ergründen. Vor allem die Kinder der Kriegsgeneration haben den autoritären Auftritt und das wütende Gebaren abgelehnt. »Spätestens seit der 1968er-Revolte waren auch väterliche Wut und Gewalt verpönt«, erklärt Grünewald. Man wollte die Dinge friedlich ausdiskutieren, statt sie wutschnaubend durchzusetzen. Die Veränderungen in der Arbeitswelt trieben die Entwicklung weiter voran: Heute punktet man im beruflichen Machtkampf mehr mit sozialer Schlauheit als mit dem Wutanfall im Meeting.
Allerdings scheint es derzeit fast so, als habe man mit der Ächtung des Wutanfalls auch gleich dem Gefühl »Wut« den Garaus gemacht. Man muss nur in Unternehmen und Familien schauen: Viele Meetings enden im nebulösen Konsens: »Ja, das Problem behalten wir im Auge.« Eltern verbieten ihren Kindern auf dem Spielplatz die Wut, wenn ein Spielgefährte das Spielzeug wegschnappt, und ermahnen sie auch noch: »Das ist doch nicht schlimm! Sei jetzt lieb!« Geprellte Aktionäre verabschieden sich freundlich vom Banker, der ihnen gerade den Verlust des kurz zuvor noch als sicher gepriesenen Depots aufgerechnet hat. Was ist da los? Wohin ist die Wut verschwunden?
»Generell ist ein Trend da, sich seelisch gegen große Gefühlsschwankungen zu immunisieren«, hat Grünewald herausgefunden. Das Fernsehen hilft: »Man lacht lieber abends bei der Comedy-Sendung über die Missstände, statt sich darüber real zu ärgern.«
Der Vorteil dieses Umgangs mit Emotionen: Man regt sich nicht auf, man eckt nicht an. Das Gemüt muss keine unangenehmen Schwankungen ertragen und keine Konsequenzen meistern. Das passt in die flexible Leistungsgesellschaft unserer Zeit, in der es vor allem darauf ankommt, dass man gut funktioniert – selbst wenn gerade die Lieblingskollegin entlassen wurde, die Ehefrau abgehauen ist oder die Bank das Vermögen verzockt hat.
Der Nachteil einer Gesellschaft ohne Wut: Mit dem Verflachen und Kontrollieren der negativen Gefühle verflacht auch die Lebensfreude. Egal-Stimmung macht sich breit. Denn nur wer richtig wütend sein kann, kann sich auch richtig freuen. Man kann nicht das eine Ende der Gefühlsskala abschneiden, ohne das andere zu beschädigen.
Wenn man Pech hat, leidet auch die Gesundheit. Denn die Wut ist ja da. Gerade derzeit dürfte das Wutpotential in Deutschland ziemlich hoch sein. Die Folgen unterdrückter Wut: Depression und zwanghaftes Verhalten; hohes Risiko für Bluthochdruck und Herzinfarkt. In Studien hat sich auch herausgestellt: Joggen, Boxsack oder Wutanfall bauen die Wut-Spannung nur kurzfristig ab. Langfristig hilft nur: »Die Gefühle spüren, sich aber nicht davon mitreißen zu lassen, sondern die Freiheit zu haben, die Energie der Emotion in gewünschte Bahnen zu lenken«, erklärt der Psychiater und Burn-out-Experte Georg Schürgers.
Wie das funktionieren kann, zeigt der amerikanische Rock-Musiker und Spoken-Word-Performer Henry Rollins: Alljährlich an Silvester fragt sich Rollins, ob er wütender ist als zu Beginn des Jahres. »Nur ein Jahr, das mich wütender macht, ist ein gutes Jahr!«, gibt er als seinen Wahlspruch aus. Wut ist seine Kraftquelle. Rollins ist wütend darüber, dass Menschen verdursten, während anderswo auf der Welt Wasser hektoliterweise verschwendet wird. Er ist wütend, weil totalitäre Regime in der Weltwirtschaft Erfolge feiern.
Bei seinen »Spoken-Word«-Auftritten überall in der Welt verwandelt er seine Wut in Überzeugungskraft. Er spricht zu seinem Publikum über Begegnungen in Burma, Vietnam oder Tibet, mit Witz und Selbstironie reißt er die Menschen mit. Er schont sein Publikum nicht, führt es auch zu den Abgründen der Globalisierung, zu Armut, Krieg und Kinderprostitution. Sein Ziel: Er will, dass sich jeder für das Wohl der Welt mitverantwortlich fühlt. Sich aktiv gegen Kriege und totalitäre Regime stellt. Dass man die Welt als Freund und nicht als Ausbeuter bereist. Tausende hören ihm zu – dem Wüterich im besten Sinne.
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