Buddhismus
Warum die Seele niemals stirbt
Das »Tibetische Totenbuch« geht von Unsterblichkeit und Seelenwanderung aus. Lange galt es im Westen als Erbauungsbuch für Esoteriker. Jetzt zeigt sich, dass seine Aussagen mit unserem modernen wissenschaftlichen Denken zu vereinbaren sind. Führt es zu einem neuen Blick auf die Seele?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
Hier geht's zum aktuellen Heft »
Das Buch ist nichts für Ängstliche. Es hat nicht mal ein Happy End. Und doch kann es Trost und Hoffnung vermitteln. Es erzählt von unerträglichen Lichtvisionen, von bluttrinkenden Göttern, von unsagbarem Grauen und tiefer Einsamkeit. Und doch weist es einen Weg zu Befreiung und Erlösung. Dieses Buch handelt vom Tod. Und doch geht es um das Leben.
Das »Tibetische Totenbuch«: Kaum ein anderer fernöstlicher Text hat die Sinnsucher im Westen derart in den Bann gezogen. Die einen deuteten ihn als esoterische Theorie über Tod und Wiedergeburt, andere als tiefgründiges psychologisches Werk. Der Schweizer Psychiater C. G. Jung erblickte darin die Archetypen eines »kollektiven Unbewussten«. Und der amerikanische Hippie-Professor Timothy Leary machte daraus gar einen Leitfaden für den Gebrauch psychedelischer Drogen. Von den Theosophen bis zu den Beatles: Jeder projizierte auf den uralten buddhistischen Text seine eigenen Vorstellungen, Wünsche und Fantasien.
Heute stößt das Totenbuch auf neues Interesse. Das zeigt schon die Vielzahl neuer Übersetzungen, populärer Bücher und Filme. In einer tendenziell überalterten Gesellschaft können wir Sterben und Tod nicht länger verdrängen. Zugleich wächst in der kalten Hightech-Welt das Bedürfnis nach Sinn und Spiritualität. Dazu gehört die Frage nach der Seele und dem Weiterleben nach dem Tod. Immerhin 52 Prozent der Deutschen, so ergab eine vom »Spiegel« 2007 in Auftrag gegebene Umfrage, glauben an irgendeine Art der Fortexistenz – von christlichen Vorstellungen bis zur Seelenwanderung.
Doch religiöse und esoterische Deutungen allein werden dem Totenbuch keinesfalls gerecht. Seine wahre Bedeutung liegt darin, dass es sich überraschenderweise mit unserem modernen Denken vereinbaren lässt. Zum einen scheinen Berichte über Nahtod-Erfahrungen den Aussagen des Totenbuchs zu entsprechen. Zugleich zeigen sich Parallelen zwischen buddhistischen Lehren und neuen wissenschaftlichen Sichtweisen, vor allem in Hirnforschung und Quantenphysik.
Schon die Geschichte des Totenbuchs ist ungewöhnlich genug, um unsere Fantasie zu beflügeln. Ende des 8. Jahrhunderts n. Chr. holte der tibetische König der Legende nach den buddhistischen Meister Padmasambhava aus Indien in sein Land. Der Guru sollte helfen, die einheimischen Geister und Dämonen des alten Volksglaubens zu vertreiben. Dazu versteckte er eine Vielzahl von spirituellen »Schätzen« in entlegenen Gegenden des tibetischen Hochlands, um sie vor dem Zugriff von Ungläubigen zu schützen – verschlüsselte Schriften, die nach seiner Prophezeiung erst zu einem geeigneten Zeitpunkt geborgen werden sollten. Acht Jahrhunderte später soll der Mystiker Karma Lingpa die alten Texte gefunden haben – darunter einen mit dem Titel »Große Befreiung durch Hören im Zwischenzustand«(tibetisch »Bardo Thödol«), heute als das »Tibetische Totenbuch« bekannt. 1927 erschien die erste englische Übersetzung – und damit begann auch das Interesse von Esoterikern an dem »geheimen« Text. Doch das wahre Faszinosum liegt weniger in seiner Symbolik. Das Totenbuch rührt vielmehr an »letzte Fragen« von Wissenschaft und Philosophie: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Körper und Seele? Was ist Bewusstsein? Und was passiert mit der Seele nach dem Tod?
- Gehirn
- Buddhismus












Kommentar hinzufügen