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P.M. Specials: Seele

Traumdeutung

Die uralte Kunst, in die menschliche Seele zu blicken

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Der Wiener Nervenarzt (1856-1939) begründet zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Psychoanalyse die wissenschaftliche Form der Traumentschlüsselung; im Jahr 1900 erscheint sein epochales Werk »Die Traumdeutung«. Träume sind für Freud der »Königsweg« ins Unbewusste. »Jeder Traum«, meint er, »ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches.« Er entdeckt, dass im Traum vor allem sexuelle Wünsche aus dem Unbewussten gehoben werden.

Doch diese Traumdeutung muss man vor dem soziologisch-kulturellen Hintergrund des ausgehenden 19. Jahrhunderts verstehen. Alles, was mit Sexualität, Erotik, Liebe und Gefühl zu tun hatte, wurde von der herrschenden Scheinmoral ins Unbewusste verdrängt. Man schämte sich zuzugeben, dass man Unterhosen trug. Natürlich spiegelte sich dieses »viktorianische Zeitalter« in den Träumen. Schon dadurch unterschieden sie sich von den Träumen heutiger Menschen.

Die Schüler und späteren Gegner Freuds, Alfred Adler in Wien und Carl Gustav Jung in Zürich, entwickelten andere Wege der analytischen Psychologie und damit der Traumdeutung. Zahlreiche Wissenschaftler haben danach die Psychoanalyse Freuds neu interpretiert, verändert und »modernisiert«. Schließlich hieß es sogar: »Freud ist tot!«

Doch die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften verschaffen Sigmund Freud eine späte Genugtuung. Der Londoner Psychoanalytiker Mark Solms hat sie zum 100. Jahrestag der Freudschen »Traumdeutung« so zusammengefasst: »Der derzeitige Forschungsstand gibt uns allen Grund, Freuds radikale Hypothese ernst zu nehmen, nämlich dass Träume motivierte Phänomene und ihre Triebkraft Wünsche sind. Auch eine weitere Annahme Freuds findet unerwartete Bestätigung, nämlich dass Träume eine Reaktion auf etwas seien, das den Schlafzustand stört.« Und: »Die wesentlichen ... Schlussfolgerungen Freuds hinsichtlich der Ursachen und der Funktion des Träumens sind alle mit dem heutigen empirischen Forschungsstand der Neurowissenschaften zumindest vereinbar, ja sie werden von dieser Seite her sogar indirekt bestätigt.«

Eines sollten traumgläubige Zeitgenossen allerdings bedenken: »Es ist nicht hilfreich«, meint der Bonner Neurophysiologe Detlev Linke, »wie in der Antike aus Träumen die Zukunft bestimmen zu wollen oder sich durch die Traumdeutung seelisch führen zu lassen und unser ganzes Leben nach ihnen auszurichten.«

Betrachten wir also die »Traumbücher« der Gegenwart als (vielleicht) spannende Unterhaltung. Glaubwürdige Scheinwerfer in das Dunkel der Zukunft sind sie nicht.
 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.2 (12 Bewertungen)
Autor/in: Ulrich Doenike

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