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P.M. Specials: Seele

Traumdeutung

Die uralte Kunst, in die menschliche Seele zu blicken

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Einem Traum verdankt die christliche Kirche - der Legende zufolge - ihre Anerkennung im römischen Reich: In der Nacht zum 28. Oktober 312 n. Chr. mahnt eine Stimme Kaiser Konstantin (280-337 n. Chr.), »das himmlische Zeichen Gottes auf den Schilden seiner Soldaten anzubringen und so die Schlacht zu beginnen«, berichtet der Kirchenhistoriker Eusebios von Caesarea. Konstantin befolgt die göttliche Weisung und lässt ein Kreuz auf die Schilde seiner Legionäre malen. So gerüstet, greift das Heer zu den Waffen - und besiegt an der Milvischen Brücke bei Rom die Armee von Konstantins Schwager Maxentius.

An die Stelle der griechischen oder römischen Götter als Urheber der Träume tritt nun der christliche Gott, die Engel oder der Teufel. »Die Kunst der Zukunftsdeutung«, sagt der Psychologe Adrian Gärtner, »wird aufgegeben zugunsten der christlichen Heilslehre. Und der Inhalt von Träumen, die ja auch Heilige gehabt haben, wird nun als Beweis für diese Heilslehre ausgelegt.«

Andererseits fußt die Hexenverfolgung ab dem Ende des 15. Jahrhunderts auch auf einseitig dämonisch ausgelegten Träumen von gepeinigten Frauen. Hunderttausende von verbrannten und gefolterten »Hexen« sind die Folge dieser christlichen »Traumdeutungen«. In einem Traktat des Heiligen Offiziums der Inquisition von 1659 ist zu lesen: »Spricht jemand im Traum Ketzereien aus, so sollen die Inquisitoren seine Lebensführung untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzukommen, was unter Tags jemand beschäftigt hat«.

Das Werk des Artemidoros jedenfalls überlebt sämtliche Epochen. Noch zur Zeit der Aufklärung schreiben die Verfasser von Traumbüchern von ihm ab. Ihre Werke erscheinen meist unter fantastischen Titeln und sollen den Anschein großer Autorität und ehrwürdigen Alters erwecken. Etwa »Der ächte ägyptische Traum-Deuter« oder »Neues vollständiges und größtes egyptisches Traumbuch, nach den besten Quellen bearbeitet von Nostradamus«. Zedlers Lexikon, die umfangreichste Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts, schreibt diese Bücher »den gemeinen Leuten« zu, die sich »das Oracul sagen und propheceyen lassen wollen, was ihnen solcher gehabter Traum wohl bedeuten möchte«.

Hochkonjunktur an »Traumbüchern« herrscht auch im 20. Jahrhundert. Vom »Arabisch-ägyptisch-chinesischen Traumbuch Arach« (1959) über das »Echte Zigeuner-Traumbuch« von Arya Sumatry (Freiburg 1961) bis zum »Goldenen ägyptisch-arabischen Traumbuch - nach alten Quellen und neuen Erkenntnissen« von Abu Schirin (1999) beruhen alle auf »uralten Quellen und Erfahrungen«, wie die Verfasser beteuern.

Die Psychologen des 19. Jahrhunderts tun sich schwer mit der Erforschung von Traumerscheinungen. Das Träumen ist, so der Gustav Theodor Fechner (1801-1887), »als ob die psychologische Tätigkeit aus dem Gehirne eines Vernünftigen in das eines Narren übersiedelt«. Fechner vermutet, dass der »Schauplatz der Träume« ein anderer ist als der des wachen Vorstellungslebens. Eine Vermutung, die Sigmund Freud später aufgreift: Er verlegt die Traumarbeit in ein besonderes System des von ihm konstruierten »seelischen Apparates«.

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Autor/in: Ulrich Doenike

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