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P.M. Specials: Seele

Traumdeutung

Die uralte Kunst, in die menschliche Seele zu blicken

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Zu den weiteren Aspekten, die berücksichtigt werden müssen, zählen auch die Kontaktformen des geträumten Verkehrs: Liegt die Mutter unten (das sei artgemäß) oder oben (das ist zügellos). Oder wendet sie dem Träumer den Rücken zu, dann droht ihm die Abwendung aller Landsleute oder die Aufgabe seines Handwerks. Ein übles Vorzeichen ist es, wenn man stehend mit der Mutter verkehrt. Es bedeutet schwere Bedrängnis. Am schlimmsten ist Fellatio. Sie führt zu allen nur denkbaren Verlusten: Tod der Kinder, Verlust von Hab und Gut. »Ich kenne jemand«, warnt Artemidoros, »der nach diesem Traumgesicht sein Geschlechtsglied verloren hat.«

Der Grieche unterscheidet zwei Arten von Träumen: Solche, die unverschlüsselt unmittelbar die Zukunft voraussagen, die keiner großen Auslegekunst bedürfen, weil sie auch der Träumer versteht. Allegorische (bildhafte) Träume dagegen verlangen geradezu nach Entschlüsselung. Wobei Artemidoros sich der Mehrdeutigkeit vieler Symbole wohl bewusst ist. Dieses Werk gehört zu seiner Zeit sicher zur Pflichtlektüre aller Traumdeuter. Es wird immer wieder abgeschrieben und in viele Sprachen übersetzt. Im 9. Jahrhundert n. Chr. erscheint die Oneirokritiká auch in Arabisch. Damals steht die Traumdeutung bei den Arabern in voller Blüte. Sie lebt sowohl aus der griechischen als auch aus der babylonisch-assyrischen Tradition.

Aus vorislamischer Zeit kennt man Wahrsager, kahin, die in Reimprosa Träume deuteten. Ihre Techniken werden auch in die islamische Wahrsagekunst übernommen. Deren bedeutendster Vertreter ist der 728 n. Chr. verstorbene Ibn Sirin. Unzählige Interpretationen werden ihm in den Mund gelegt, selbst wenn die Geschichten nicht mehr zu seinen Lebzeiten spielen. Sein Name steht im Orient auch in späteren Jahrhunderten für Traumdeutung schlechthin. Ein Traumbuch des Ibn Sirin ist erhalten geblieben.

Nach traditioneller islamischer Ansicht wurde Adam die Kunde der Traumdeutung von Gott selbst gegeben. Über Adams Sohn Seth und die Propheten erreichte sie Muhammad (»der Gepriesene«, um 570-632 n. Chr.) und dann die vertrauenswürdigen Interpreten. Für den Propheten spielten Träume eine wichtige Rolle. Jeden Morgen nach dem Gebet fragte er seine Gefährten, wer von ihnen etwas geträumt habe. Dann legte er ihnen die Träume aus. Muhammad empfing die Offenbarung übrigens am Tage. Daher gelten Träume, die man tagsüber hat, in der Regel als wahr.

Die zentrale Traumgeschichte im Koran (Sure 12) gleicht dem biblischen Schicksal Josephs. Yusuf (Joseph) wird durch die Gnade des Herrn zum Traumdeuter, der später auch die Träume seiner Mitgefangenen und des Pharao richtig deutet. Kein Wunder, dass sich die Muslime von früh an für Traumdeutung interessierten. Wie verbreitet diese Kunst im Mittelalter war, verrät eine arabische Schrift aus der Zeit um 1006 n. Chr. Sie berichtet von rund 11750 Autoren, die über Traumdeutung geschrieben haben sollen.

Traumbücher gibt es auch in den zentralasiatischen Sprachen, sei es Usbekisch oder Baschkirisch; selbst aus Hunza im Karakorum ist ein Traumbuch der dortigen Ismailis erhalten. Sowohl der türkische Sultan Murad III. (1546-1595) als auch der südindische Sultan Tipu von Mysore, der 1799 im Kampf gegen die Briten fiel, haben ein Traumbuch hinterlassen.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.2 (12 Bewertungen)
Autor/in: Ulrich Doenike

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