Diese Seite bookmarken:

Diese Seite bookmarken

P.M. Specials: Seele

Traumdeutung

Die uralte Kunst, in die menschliche Seele zu blicken

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
Hier geht's zum aktuellen Heft »

Doch Cicero bleibt ein einsamer Rufer in der Wüste. Träume gelten auch im antiken Rom als Quelle der Wahrheit. Wie alte Chroniken berichten, hatte jeder Bürger Roms die Pflicht, dem Senat solche Träume vorzutragen, die irgendwie mit dem Schicksal des Staates in Verbindung gebracht werden konnten. Später dann, in der Kaiserzeit, steht die Traumdeutung in Rom unter keinem guten Stern: Sie wird oft als politisches Machtinstrument missbraucht. So genannte Traumberater (comes somniorum) sind im Dienst des Imperators unterwegs, um als Spitzel die Bürger beim Erzählen ihrer Träume zu belauschen.

Das Volk wollte und will jedoch auch weiterhin von seinen Traumdeutern hören, was die Zukunft verspricht. Listige Zeitgenossen benutzen sogar bestimmte »Tricks«, um unheilverkündende Träume gleichsam unschädlich zu machen: »Solche Träume«, berichtet der Psychologe Adrian Gärtner, »darf man entweder erst bei Sonnenlicht erzählen. Oder man führt ein Reinigungsritual durch, um ihre Wirkung zu stoppen. Und als letztes ›Gegenmittel‹ bleibt noch der Gang zum Tempel, um den Göttern zu opfern.«

Einer der berühmtesten seiner Zunft ist Aristandros von Telmessos, der Traum- und Vorzeichendeuter Alexanders des Großen (356-323 v. Chr.). Im Jahr 332 v. Chr. belagert Alexander mit seinem Heer monatelang die mächtige phönizische Festung Tyros. Im Traum erscheint ihm ein bocksbeiniger Satyr (griechisch satyros), der auf seinem Schild tanzt. Am nächsten Morgen schildert der König diese Szene seinem Traumdeuter. Dieser findet nach langem Nachdenken eine Erklärung: Man müsse den Namen des tanzenden Gesellen nur richtig zergliedern, nämlich in »sa Tyros« - »dein Tyros«. Es heiße nichts anderes als »Dein (wird) Tyros (sein)«! Das leuchtet Alexander ein. Er wertet den Traum als göttlichen Fingerzeig, belagert Tyros weiter - und erobert die Festung.

Neben ihrer eigenen Routine standen den Traumdeutern der Antike natürlich zunächst die Erfahrungen vieler Generationen von Vorgängern zur Verfügung. Sie fanden sich in Lehrbüchern, die meist einen systematisch aufgebauten Fundus an Traummotiven bereit hielten. Diese Bücher sind bis auf eines dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen.

Nur das fünfbändige Oneirokritiká (Traumdeutung) des Artemidoros von Daldis (ca. 135-200 n. Chr.) ist erhalten geblieben. Darin ordnet er rund 1400 Traumerscheinungen nach klaren Kategorien. Zum Beispiel: Geburt und Tod, Körper und Körperteile, Geschlechtsverkehr, Kleidung, Nahrung, Freizeit, Götter und Götterverehrung - eine leicht überschaubare Hilfe, um morgens rasch »fündig« zu werden. Artemidoros wendet sich an alle sozialen Schichten, bietet jedem seine individuelle Interpretation. So bei Inzest-Träumen, von denen die Menschen der Antike offenbar recht häufig heimgesucht werden.

Artemidoros widmet dem Thema ein ganzes Kapitel. Er meint, dass es »die verschiedenen Arten der Vereinigung und Körperstellungen sind, die verschiedene Ausgänge (der Deutung) bewirken«. Zum Beispiel kommt es darauf an, ob im Traum ein Verkehr mit der lebenden oder mit der toten Mutter erfolgt, ob der Vater noch lebt oder auch verstorben ist, ob der Träumer Handwerker oder Politiker, krank oder gesund ist, ob er in der Fremde lebt oder zu Hause.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 3.9 (14 Bewertungen)
Autor/in: Ulrich Doenike

Mehr zum Thema:

Einsortiert unter:

Erotik  /  Freud  /  Schlaf  /  Traum  /  Traumdeutung


Dieser Artikel ist Teil des Specials: