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P.M. Specials: Seele

Traumdeutung

Die uralte Kunst, in die menschliche Seele zu blicken

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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»Denn auch der Traum stammt von Gott«, verkündet Homer (um 750 v.Chr.) in seiner Ilias. Und in der Odyssee wird schon zwischen zukunftsweisenden und trügerischen oder zumindest bedeutungslosen Träumen unterschieden, die nur verwirren sollen. So seufzt Penelope, die Ehefrau des Odysseus: »Träume wahrlich, oh Fremder, sind unbegreiflich und unklar. Und nicht alles, was sie verkünden, geht in Erfüllung.« Sie beschreibt diese Erfahrung mit dem Bild zweier Pforten, aus denen die Träume zu den Schlafenden treten, eine aus Horn, die andere aus Elfenbein: »Die nun durch die Tür aus gesägtem Elfenbein kommen, die sind täuschender Trug mit unerfüllbaren Worten. Die aber aus geglättetem Horn hervorgehen, bringen Wahres zustande, wenn der Sterblichen einer sie wahrnimmt.«

Wie aber soll dieser entscheiden, ob ein Traum ihm eine glückliche Zukunft signalisieren wollte oder ob er das Opfer eines Phantoms geworden ist? Stellen sich viele Träume nicht wirr und absurd dar, voll unverständlicher Handlungen und Symbole? Da hilft nur der professionelle Traumdeuter, der die Überbleibsel des Schlafes verlässlich analysieren und auslegen kann. Der Bedarf an solchen Experten ist groß, besonders in Krisenzeiten. Und so erfreut sich die Branche der Traumdeuter im ganzen Altertum größter Beliebtheit.

Allerdings, unter die »seriösen« Profis mischen sich oft auch Scharlatane, die auf Marktplätzen und vor Tempeln, auf Volksfesten und bei Sport und Spiel ihre Dienste anbieten. »Traumdeuter« kann sich schließlich jedermann nennen. Diese »Landstreicher und Schwindler«, wie sie von der »vertrauenswürdigen« Konkurrenz beschimpft werden, wandern in den Weiten Griechenlands und Kleinasiens herum und suchen gutgläubige Kunden. Ihr Ansehen ist begrenzt, nicht jeder hat sein Auskommen.

Der griechische Geschichtsschreiber Plutarch (ca. 50-125 n. Chr.) berichtet zum Beispiel von einem Enkel des berühmten athenischen Politikers Aristeides (530-467 v. Chr.), der als völlig verarmter Traumdeuter sein Leben fristete. Er saß tagaus, tagein am Iakchos-Tempel und ernährte sich mit Hilfe eines Traumbüchleins mehr schlecht als recht.

Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. finden die Heiligtümer des Gottes Asklepios großen Anklang bei Kranken, besonders das in Epidauros. Während des »Tempelschlafs« im geweihten Abaton hoffen die Besucher dort auf göttliche Hilfe und einen Rat zu ihrer Krankheit. Asklepios (bei den Römern Aesculap) heilt im Traum, selbst Operationen führt er nachts durch. Anderen Patienten verordnet der Gott im Traum bestimmte Arzneien oder erlegt ihnen Heilkuren auf. In den meisten Fällen sind die Träume unverschlüsselt und klar zu verstehen; sie bedürfen keiner »professionellen« Deutung.

Traumbücher und Traumtafeln gab es Plutarch zufolge schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Nach ihnen konnte man Prophezeiungen und Warnungen aus den Träumen einfach ablesen oder aus Bildern und Symbolen deuten. Cicero (106-43 v. Chr.) dagegen, der scharfzüngige Römer, wettert gegen die Traumdeuter. In seiner polemischen Schrift »De divinatione« (Über die Weissagung) fragt er spitz: »Warum bedarf es des Umweges und solcher krummen Wege, dass man Traumdeuter in Anspruch nehmen muss, anstatt dass der Gott uns, wollte er wirklich für uns sorgen, direkt sagte: ›Dies tu, dies tu nicht!‹ und uns diese Erscheinung lieber im Wachzustand als im Schlaf vermittelte?«

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Autor/in: Ulrich Doenike

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