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P.M. Specials: Seele

Traumdeutung

Die uralte Kunst, in die menschliche Seele zu blicken

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Wegen einer falschen Beschuldigung kommt Joseph ins Gefängnis, wo ihn zwei Mithäftlinge, der oberste Bäcker und der Mundschenk des Pharao, um die Deutung ihrer Träume bitten. Mit dem Ergebnis ist zumindest der Mundschenk sehr zufrieden. Der Bäcker weniger: Ihm prophezeit Joseph den Tod am Galgen. Beides geht in Erfüllung: Der Mundschenk kommt frei, der Bäcker wird gehängt. Zwei Jahre später beschäftigen den Pharao zwei Träume, die niemand deuten kann. Sein Mundschenk erinnert sich an Joseph, der Pharao lässt ihn aus dem Gefängnis holen und erzählt ihm seinen Traum von den sieben mageren Kühen, die sieben andere schöne, fette Kühe aufgefressen hätten. Und in einem zweiten Traum hätten sieben dürre Ähren sieben dicke Ähren verschlungen.

»Die sieben schönen Kühe«, erklärt Joseph, »sind sieben Jahre und die sieben guten Ähren sind dieselben sieben Jahre. Sieben reiche Jahre werden kommen in ganz Ägyptenland. Und nach ihnen werden sieben Jahre des Hungers kommen.« Tatsächlich folgen sieben gute und sieben schlechte Ernten. Auf Josephs Rat legen die Ägypter in den reichen Jahren genügend Vorräte an - und überstehen die Hungersnot.

Der Hebräer gelangt in Ägypten zu großem Wohlstand und Ansehen: Der Pharao, dessen Name in der Bibel nicht erwähnt wird, erhebt ihn zu seinem Stellvertreter. Offenbar hat es also unter seiner Herrschaft (wohl in der 13./14. Dynastie; 1794-1645 v. Chr.) bereits »Wahrsager und Weise« gegeben, die sich auch mit der Deutung von Träumen befassten.

Hinweise auf Träume und Traumdeutungen in Ägypten finden sich auf dem Fragment einer Papyrus-Rolle aus der 12. Dynastie (1976-1794 v. Chr.). Dieser so genannte Papyrus Chester Beatty, benannt nach seinem früheren Besitzer, wurde in Deir el-Medineh gefunden. Die »guten« Träume sind darauf mit schwarzer, die »schlechten« mit roter Farbe verzeichnet. Träume sind für die Ägypter Weisungen der Götter, die mehr sehen als der Mensch. Auch den Priestern vertraut man seine Träume an. Ihre Traumauslegungen werden überall im Land respektiert.

Als erstes vollständig erhaltenes Werk gilt ein assyrisches Traumbuch. Es wurde in Ninive ausgegraben und stammt aus der riesigen Tontafel-Bibliothek des Königs Assurbanipal (ca. 669-627 v. Chr.). Man nimmt jedoch an, dass die Chaldäer als Erste die Traumdeutung ernsthaft betrieben haben. Ihr Stamm hatte im südwestlichen Babylonien mehrere kleine Staaten gegründet. Der Name »Chaldäer« wurde bald auf alle Traumdeuter Babylons übertragen. Auch in der Bibel (Buch Daniel) erscheint er im Bericht über einen Traum König Nebukadnezars (604-562 v. Chr.).

Träume sind göttlichen Ursprungs - diese Überzeugung findet sich in allen Kulturen. Die Menschen glauben an die wahrheitskündende Kraft der nächtlichen Botschaften. »Im Schlaf«, so der griechische Schriftsteller Xenophon (430-355 v. Chr.), »bekundet die Seele eindeutig ihre göttliche Natur. Im Schlaf wird ihr eine Art Einblick in die Zukunft gewährt, und das geschieht offenbar, weil sie im Schlaf vollkommen frei ist.«

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Autor/in: Ulrich Doenike

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