Traumdeutung
Die uralte Kunst, in die menschliche Seele zu blicken
Unsere Vorfahren glaubten, dass sich ihnen im Schlaf die Zukunft offenbare. Doch erst als Wissenschaftler mit der Traumdeutung begannen, entdeckten sie, dass Träume ein Fenster zum Unbewussten sind.
Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Tagelang schon hatte er gegrübelt. Die Atome des Benzols wollten und wollten sich nicht zu einer Struktur fügen, die seine vielen Eigenschaften erklärt hätte. Wie nur waren die kleinsten Teilchen im Benzol-Molekül angeordnet? Über dieser Frage nickte der große Chemiker Friedrich August Kekulé (1829-1896) eines Abends vor dem Kamin ein. Das Feuer knisterte, und irgendwann träumte er, wie die Atome Insekten gleich um ihn herum tanzten.
»Sie gaukelten vor meinen Augen«, erzählte Kekulé später. »Lange Reihen, vielfach dichter zusammengefügt; alles in Bewegung; schlangenartig sich windend und drehend. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfasste den eigenen Schwanz und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich und verbrachte den Rest der Nacht, um die Konsequenzen der Hypothese auszuarbeiten.«
Eine Schlange hatte sich in den Schwanz gebissen - und einen Ring geformt! Blitzartig erkannte Kekulé: Das war die Lösung: Die Atome des Benzols sind ringförmig angeordnet! Kekulé hatte seinen Traum richtig gedeutet und die Struktur des Benzol-Moleküls gefunden - vielleicht mit Hilfe eines Traumsymbols. Denn sicher kannte der Chemiker die mittelalterliche Alchemie. Nicht verwunderlich wäre also, wenn sich in seinen Traum ein magisches Zeichen eingeschlichen hätte: Ouroboros, die Schlange, die sich in den Schwanz beißt - als Ring ohne Anfang und Ende eine beliebte Allegorie für die sich wandelnde Materie.
Man schrieb das Jahr 1865. Die Wissenschaft strebte zu neuen Ufern. Traumforschung und Traumdeutung waren nicht sonderlich gefragt, Aufklärung und Skeptizismus hatten das gelehrte Interesse am Traum fast versiegen lassen. Für die Wissenschaftsauffassung des 19. Jahrhunderts galt Traumdeutung als Relikt des Volksglaubens. Jahrhundertelang hatte die Vorstellung, Träume erklären zu können, allein in Traumbüchern überlebt. Die wissenschaftliche »Traumdeutung« des Wiener Psychiaters Sigmund Freud sollte erst 35 Jahre später erscheinen.
Träume jedoch haben die Menschen wohl beschäftigt, seit sie sich ihrer bewusst wurden. »Sie waren ja etwas Unverständliches, oft Bedrohliches«, erklärt der Psychologe Adrian Gärtner aus Oberursel. »Angst, Krankheit, Tod, Hass, aber auch Liebe, Sexualität und Wünsche spiegelten sich in Träumen wider und beunruhigten die Menschen.« Und, so Gärtner, unsere Urahnen fragten irgendwann: »Wo kommen diese monströsen oder bezaubernden Bilder her? Und sicher schloss sich bald die zweite Frage an: Was bedeuten diese Erinnerungen aus den Tiefen des Schlafs? Wie kann man sie erklären?«
Die Menschen der Vorzeit haben keine Zeugnisse hinterlassen. Erst in der Bibel werden Träume und Traumdeutungen beschrieben, überwiegend im Alten Testament. Bekanntester biblischer Traumdeuter ist Joseph, der Lieblingssohn Jakobs. Als er seinen Brüdern Träume erzählt, worin diese sich vor ihm verneigen, werden sie eifersüchtig und verkaufen ihn für zwanzig Silberstücke an die Ismaeliter, die ihn nach Ägypten brachten (1. Mose). Potifar, der Kämmerer des Pharao, handelt ihnen den hebräischen Jüngling ab und macht ihn zu seinem Verwalter.
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