Schamgefühl
Der Pranger unserer Seele
Ein Lob dem Schamgefühl. Wer sich schämt, ist im Innersten getroffen, aber: Erst das Schamgefühl, haben Wissenschaftler jetzt erkannt, macht uns zu sozialen Wesen.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
Hier geht's zum aktuellen Heft »
Der Mann, der von sich behauptet, »das schamvollste Kind und sicherlich der sich am meisten schämende Jugendliche« gewesen zu sein, singt heute im Ballermann auf Mallorca, melkt in Talkshows die Milch gebenden Brüste seiner brustoperierten Frau, hat eine »Arsch-Expertise« über seinen nicht gelifteten Hintern anfertigen lassen und ist für viele die fleischgewordene Peinlichkeit: Jürgen Drews. Jau, der!
»Ich war früher ganz anders«, erzählt er gern und oft in Interviews: »Mein Gesang, mein Exhibitionismus sind in Wahrheit nur eine gut getarnte Therapie gegen die unbändige Scham, die ich in mir trug.« Scham – ausgerechnet der? Ist das nicht wieder einer seiner Tricks, um in der Presse zu stehen? Kann sich ein Mensch so verändern – vom gehemmten bürgerlichen Arztsohn zum enthemmten Schlagerfuzzi? Scham ist doch eher eine Gefühlslage, die man leicht errötenden jungen Mädchen zutraut. Aber doch nicht ausgewachsenen Blödelbarden und anderen Figuren unserer immer schamloseren Spaß-Gesellschaft!
Von scama, dem althochdeutschen Ausdruck für Schande, leitet sich unser Wort Scham ab. Sie treibt uns die Röte ins Gesicht. Wir wenden den Blick ab, lassen die Schultern fallen und machen uns klein. In Momenten der Scham fühlen wir uns schwach und wertlos. Jeder von uns kennt Situationen, in denen wir am liebsten »im Erdboden versinken« würden.
Wir schämen uns für körperliche Defizite. Für Versagen im Beruf. Für eine unbedachte Bemerkung. Wir empfinden Scham, wenn man uns beim Lügen ertappt. Oder weil wir bei der Bank keinen Kredit mehr bekommen. Und wir schämen uns, wenn eine dumme Geschichte aus unserer Vergangenheit plötzlich im Internet auftaucht.
»Scham ist ein Gefühl, das jeden treffen kann«, sagt der Psychologe Stephan Marks, der ein Buch über die »tabuisierte Emotion« geschrieben hat. Scham und Peinlichkeit, so behauptet er, hätten einen größeren Einfluss auf unser Wesen als Sex oder Aggression. Weil sie eben nicht bedeuten: »Ich habe Mist gebaut« – sondern: »Ich bin Mist« Körper, Geist und Seele finden ganz elementar: Ich bin falsch!
Doch warum reagieren wir so? Warum beherrschen Schamgefühle auch die moderne, scheinbar so freizügige Gesellschaft? Und was lehrt uns die Scham über den Umgang mit anderen Kulturen? Seit Langem rätseln die Forscher über diese quälende Emotion, die unser Selbstwertgefühl unterminiert. Zwar weiß man heute, wie Nerven das Erröten steuern. Doch der grundlegende Hirnmechanismus, der über alle Kulturen hinweg Schamgefühle auslöst, gehört immer noch zu den großen Geheimnissen der Neurowissenschaft.
Anthropologen, Sozialpsychologen und Ökonomen nähern sich der rätselhaften Emotion nun anders. Sie bringen das Schamgefühl mit den evolutionären Ursprüngen von Altruismus und Kooperation in Verbindung. Erst die Scham, so glauben sie, macht den Menschen zum sozialen Wesen!
- Psychologie & Gesundheit
- Medizin und Mythos
- Intuition












Kommentar hinzufügen