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P.M. Specials: Medizin

Parasiten

Warum wir diese Würmer lieben sollten

Wir säubern uns zu Tode: Eine zu sterile Umwelt schwächt den Körper, warnen Mediziner. Vor allem sollten wir die Angst vor Würmern ablegen: Sie schützen vor Allergien.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Szene spielt sich täglich tausendfach auf deutschen Kinderspielplätzen ab: Oma lässt den einjährigen Enkel im Sandkasten wüten – selbst wenn er sich den Sand in den Mund stopft. Die Kindsmutter ist außer sich: Warum lässt du ihn im Schmutz spielen? Da wird das Kind doch krank! Die Gescholtene wehrt sich: Ein bisschen Dreck schadet nicht, so sind wir alle groß geworden!

Omas Lebensweisheit ist jetzt der neue Ansatz in der modernen Medizin: Unser Immunsystem kann nur stark sein, wenn es gefordert wird – deshalb sind Schmutz, Bakterien und sogar Parasiten willkommen. Eine revolutionäre Kehrtwendung im Streben nach Gesundheit. Denn bisher war Hygiene die absolute Maxime: Alles musste am besten weiß, rein, steril, klinisch sauber sein.

»Wir haben Keime, Bakterien und Parasiten verteufelt und mithilfe der Chemie und Pharmazie aus unserem Körper verbannt. Dabei gehörten Madenwurm, Peitschenwurm, Hakenwurm und Spulwurm einst ebenso zu unserer Darmflora wie Darmbakterien«, sagt einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet, Professor Joe Weinstock von der Tufts University in Boston, »Milliarden von Menschen tragen sie heute noch in ihrem Darm.«

Nur sehr wenige dieser Tierchen hierzulande verursachen Krankheiten – noch vor 100 Jahren hatten alle Kinder in Deutschland Würmer. In den Tropen dagegen sind einige Darmparasiten für gefährliche Wurmerkrankungen wie Bilharziose oder Flussblindheit verantwortlich.

Aber allein der Gedanke an einen Fadenwurm, dessen dünner Kopf sich in das Gewebe der Darmschleimhaut bohrt, um zu schmarotzen und seine Eier zu legen, ist nicht gerade erbaulich. Und schon gar nicht der Gedanke an einen Massenbefall durch den Peitschenwurm, der Durchfall, Schmerzen und Blutarmut verursachen kann. So verwundert es nicht, dass die Medizin des 20. Jahrhunderts diesen Parasiten den Kampf angesagt hat.

Doch war dieser Weg zu einer hygienischeren Menschheit wirklich der richtige? Haben wir dabei etwa unsere körperlichen Abwehrkräfte geschwächt, uns regelrecht krank gesäubert? Wendet sich nun unser Körper in Abwesenheit seiner natürlichen Feinde gegen sich selbst?

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Autor/in: Philipp Saller

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