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P.M. Specials: Liebe

Evolution & Psychologie

Die Magie des Kusses

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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iStockphoto

Wir können vorrechnen, wie viele Kalorien wir dabei verbrauchen. Wir kennen die Muskeln, die wir dazu benötigen. Wir wissen, welche Hormone beim Kuss sprudeln. Aber was seinen Zauber ausmacht, scheint ein ewiges Rätsel zu bleiben.

Ach, ich will sie küssen, denkt Michael Werdenfels. Es ist ein Abend im Mai, und der Vertriebsingenieur sitzt im Kölner Biergarten »Wolkenburg« vor einem Glas Wein – zusammen mit seiner studentischen Aushilfe Ina Fuchs. Michaels Gedanke ist plötzlich da und schwebt über dem Tisch wie eine Wolke. Ina sieht ihn an. »Jetzt haben wir aber genug über die Arbeit geredet«, sagt sie und lächelt. Spürt sie die Spannung? Ich will sie küssen, denkt Michael. Jetzt.

Ob er es tut, ist eine andere Frage. Zwar wird im Mai statistisch am häufigsten geküsst, und die Wissenschaft hat zudem herausgefunden, dass wir beim Küssen 29 Muskeln bewegen und 64 Kalorien verbrennen. Aber man muss kein Experte sein, um zu wissen, dass Küssen mit Zahlen nichts zu tun hat. Das Spiel von Lippen und Zungen ist ein Ritual, das von feinsten Gefühlen und Zufällen abhängt. Woher es kommt und welche Regeln dabei gelten, beschäftigt Wissenschaftler seit Jahrhunderten.

Zum Beispiel den Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeld. Küssen ließe sich auf Brutpflegehandlungen bei Säugetieren zurückführen, schlug er vor. Gegenseitiges Fell-Lecken und vor allem die Mund-zu-Mund-Fütterung seien die tierischen Vorfahren des menschlichen Zungenkusses. Sigmund Freud sah den Antrieb für das Küssen in der Erinnerung an die »erste sexuelle Lust«, die ein Mensch beim Saugen an der Mutterbrust empfindet. Die Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld wiederum meint, dass Küssen dem angeborenen Riechimpuls entspringt. »Geschlechtliches Beschnüffeln und Belecken«, wie Hunde es tun, sei der »Grundstein für den Mundkuss«.

Die Lust an mündlichen Liebkosungen ist in zweierlei Hinsicht älter als der denkende Mensch: Einerseits lutschen schon Ungeborene im Mutterleib am Daumen, andererseits küssen sich auch Schimpansen und Bonobos – Primaten, mit denen der Mensch gemeinsame Vorfahren hat.

Küssen ist »naturgemäß«, wie Charles Darwin befand, jedoch nicht automatisch angeboren. Denn was die Menschen weltweit aus der Fähigkeit zum Lippenspaß machen, ist unterschiedlich. Die »weiße Massai« Corinne Hofmann war bekanntlich sehr betroffen, als ihr Samburu-Mann sie nicht küssen wollte. In Afrika gehört Küssen nicht zum Liebesvokabular, teils wegen des distanzierten Verhältnisses von Mann und Frau, teils aus Aberglauben. Im Norden verzichten die Eskimos auf den Zungenkuss, weil sie mit dem Mund Leder weichkauen – er wäre zu unhygienisch. In Frankreich ist Küssen auf Bahnübergängen klugerweise nicht erlaubt, im US-Staat Wisconsin ist der »French Kiss« (der Zungenkuss) generell verboten. Was sicher niemanden daran hindert, ihn zu praktizieren. Denn überall dort, wo Liebesfilme aus Hollywood gesehen werden, gehört der Kuss zum guten Ton in einer Beziehung.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.6 (11 Bewertungen)
Autor/in: Isabel Winklbauer
16.04.2009

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