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P.M. Specials: Gefühle

Biologie & Psychologie

Diese Maus hat Angst geerbt. Und wie ist das bei uns?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Maus im Labor: Forscher haben ihr Ängstlichkeit angezüchtet
George Shuklin/flickr.com

Diffuse Furchtgefühle, Panikattacken und Phobien: Immer mehr Menschen haben immer mehr Angst – heißt es. Aber in Wahrheit nimmt nicht die Angst zu, sondern das Wissen über sie. Und die Bereitschaft, sich zu ihr zu bekennen. Die neuesten Erkenntnisse über ein uraltes Phänomen.

Autorin: Sabine Schwabenthan

»Koro« heißt ein rätselhaftes, nur in China und Malaysia vorkommendes seelisches Phänomen. Wenn sexuell bei ihnen gerade nicht viel läuft, leiden dort viele Männer unter der panischen Angst, ihr Penis werde sich in den Körper zurückziehen und sie töten. Nur mit Mühe gelingt es Ärzten, die Betroffenen von dieser quälenden Vorstellung zu erlösen. »Koro« ist einer von vielen irrationalen Angstzuständen, die Menschen weltweit plagen. Der internationale Diagnose-Katalog so genannter Angststörungen liest sich wie ein Reiseführer ins Land des Grauens: Angst vor Höhe, vor Fahrstühlen, vor Tunnels, vor großen Plätzen, vor Menschen, vor Mikroben bis hin zur Angst, bei Spaziergängen auf eine Leiche zu stoßen.

Angst, genauer gesagt: irrationale Angst, ist kein Produkt unseres hektischen modernen Lebens. Die griechische Dichterin Sappho beschreibt (um 600 v. Chr.), wie sie aus heiterem Himmel eine Panikattacke bekam. Julius Cäsar hatte Angstzustände beim Anblick von Katzen, Charles Darwin litt Todesängste in Menschenansammlungen. Umso erstaunlicher, dass die Erforschung der Ur-Emotion Angst und ihrer Entgleisungen sehr spät begann. Als der New Yorker Neurologe Joseph Le Doux Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts Angst zu seinem Thema machte, glaubten seine Kollegen noch, Gefühle seien der Wissenschaft nicht zugänglich. Viele hielten den Aufbruch ins Gefühlsleben sogar für so »unseriös« wie die damals ebenfalls startende Sexualwissenschaft.

Heute dagegen ist die Erforschung der Physiologie und Neurochemie von Angst zu einem der heißesten Themen der Medizin geworden. Auf Hochtouren werden zum Beispiel im Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie die neuronalen Netzwerke und hormonellen Kreisläufe der Angst untersucht. Nicht pure wissenschaftliche Neugierde steckt dahinter, sondern medizinische Notwendigkeit. Denn: Angstzustände, früher gerne als Feigheit oder Hysterie etikettiert, sind eine sehr verbreitete Erscheinung. Mindestens 17 Millionen Menschen in Deutschland leiden akut daran – die Dunkelziffer liegt sicher viel höher. Prominentes Beispiel für die »Verschwiegenheit« dieser Erkrankung: Erst nach dem Tod Jürgen Möllemanns wurde bekannt, dass sogar dieser furchtlos wirkende Politiker unter behandlungsbedürftigen Angstzuständen litt.

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