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P.M. Specials: Vampire

Volkskunde

Auf den Spuren der wandelnden Toten

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Während Kreuter mit rumänischen Freunden in Slatina Timis einige Gläschen Tuika schlürft – einen selbst gebrannten, hochprozentigen Pflaumenschnaps –, erklärt er die Langlebigkeit des Volksglaubens: »Vampire helfen einer Dorfgemeinschaft, schmerzhafte oder unerklärliche Phänomene in ihr Leben einzuordnen und damit zu verarbeiten. Das kann den plötzlichen Tod von Verwandten betreffen, rätselhafte Krankheiten oder Missernten.« Gerade in den abgeschiedenen Regionen Südosteuropas hätten »Orthodoxie, Katholizismus und Islam die Menschen mit ihrem Volksglauben weitgehend alleingelassen«. Das Warum von Sterben und Tod sei der bäuerlichen Bevölkerung nicht klar gewesen – diese »Lücke« habe der Vampirglaube zum Teil gefüllt. Bis heute gilt: Was nicht »normal« ist, gerät leicht unter Vampir-Verdacht. Wer etwa zu jung oder eines ungewöhnlichen Todes stirbt, der hat das Zeug, im Grab zum Vampir zu mutieren. Anzeichen dafür kann es bereits bei der Geburt geben: etwa ein schweres Unwetter, die dichte Behaarung des Neugeborenen – oder ein »Schwänzchen«.

Doch was sagt die moderne Medizin zu den Vampir-Schilderungen: Tote, die einfach nicht richtig verwest sind? Mit »neuer Haut« und »nachgewachsenen« Fingernägeln? Vor allem aber: mit »frischem Blut«, das ihnen aus den Mundwinkeln rinnt?

Dazu befragte Historiker Kreuter auch Bukarester Experten im »Nationalen Institut für Gerichtsmedizin Mina Minovici«. Die Mediziner zeigten ihm im Kühlraum »fehlgeschlagene Verwesungen« – kein angenehmer Moment für Kreuters Magen. Aber äußerst informativ, denn für den guten Zustand der hier liegenden Körper gibt es eindeutige Erklärungen: Eine Leiche, die lange Zeit im Luftzug liegt, kann dadurch austrocknen; sandige Erde kann einem beerdigten Körper rasch Feuchtigkeit entziehen und ihn so ebenfalls mumifizieren; Lehmboden kann die Hautfette des Verstorbenen regelrecht »verseifen« – was unter der Haut liegt, ist als »Wachsleiche« konserviert.

Auch für das »Blut«, das einem Leichnam aus dem Mund rinnt, haben Mediziner eine natürliche Erklärung: Beim Zersetzungs-Vorgang produzieren Bakterien Gase im Körper des Toten. Dieser »Verwesungs-Gasdruck« presst Körperflüssigkeiten jeder Art nach außen, und diese treten zuerst durch die natürlichen Öffnungen aus. Bei rapider Verwesung bricht der tote Körper dadurch manchmal sogar an anderen Stellen auf, dann fließt tatsächlich Blut.

Doch auch durch den »normalen« Verwesungsvorgang verändert sich der Körper in einer Weise, die den Verdacht von Vampirgläubigen wecken kann. So zieht sich bei Verstorbenen die Haut zusammen, und diese Schrumpfung bewirkt, dass die Fingernägel weiter als zu Lebzeiten herausstehen – dadurch entsteht der Eindruck, sie würden wachsen. Außerdem schält sich bei den meisten Leichen auch die äußerste Hautschicht ab: Darunter schimmert dann die rosa Haut hervor – ähnlich wie bei einer Blase am Fuß nach langen Wanderungen. Wer diese Hintergründe nicht kennt und einen Verstorbenen mit »Blut« im Mund und rosa Haut sieht, der mag tatsächlich an etwas Widernatürliches glauben. Ein Glaube, der offenbar ebenfalls nicht sterben kann.

 

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Autor/in: Wolfgang Gessler

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