Geheimbünde, Brüderschaften und Sekten
Im Schatten der Kirche
Ihre Namen klingen harmlos und poetisch: Sie nennen sich »Opus Dei« oder »Rosenkreuzer«. Doch warum scheuen sie die Öffentlichkeit? Und was treibt Menschen dazu, sich solchen Zirkeln anzuschließen? Handelt es sich bei diesen Gemeinschaften tatsächlich um gefährliche Sekten?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Perspektive
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Die Meldung sorgte für Gesprächsstoff: »Michelle Hunziker sucht Hilfe bei Geheimsekte!«, verkündete »Bild« im Sommer 2003. Die blonde Moderatorin des TV-Erfolges »Deutschland sucht den Superstar« als Mitglied des religiösen Geheimbundes »Krieger des Lichts«? Sie wäre nicht die erste. Auch Madonna outete sich als »Kriegerin«.
Geheimnisvolle Esoterik-Bünde gibt es seit Jahrtausenden. Ihre Lehren versprechen endgültiges Wissen um die letzten Dinge: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn des Daseins? »Wir leben in einer Gesellschaft, die nur noch kurzlebige und materielle Dinge anerkennt«, sagt Madonna. Da haben solche Fragen erst recht eine starke Anziehungskraft.
Die »Krieger des Lichts« gelten als jüngster Geheimbund-Spross. Doch Michelle Hunziker streitet eine Zugehörigkeit ab: »Es gibt keine Sekte, deshalb kann ich auch kein Mitglied sein. Ich habe in Paulo Coelhos ›Handbuch des Kriegers des Lichts‹ mal reingelesen. Die Krieger des Lichts sind einfach Menschen, die nach den Ideen des Buchs von Paulo Coelho leben.«
Mal nachschlagen. In der Buchhandlung liegt das Bändchen unter »Belletristik«, neben fünf Romanen des Autors. Textprobe: »Ein Krieger des Lichts glaubt. Weil er sicher ist, dass er der Liebe begegnen wird, begegnet sie ihm auch. Manchmal wird er enttäuscht, manchmal verletzt. Aber der Krieger weiß, dass es sich lohnt. Für jede Niederlage gibt es zwei Siege.«
Oder: »Wer niemals Nein sagt, hält sich für großzügig, verständnisvoll, wohlerzogen. Der Krieger geht nicht in diese Falle. Indem er zu anderen Ja sagt, sagt er zu sich selber möglicherweise Nein. Daher spricht er mit den Lippen nie ein Ja aus, wenn sein Herz Nein sagt.«
Das klingt nach einer Mischung aus Mahatma Gandhi und Psycho-Ratgeber. Dem stimmt der brasilianische Erfolgsautor Paulo Coelho (»Der Alchimist«) zu: »Welche Neuigkeiten meine Bücher enthalten? Keine einzige!« Sein Krieger-text ist ein Trip durch die Glaubenslehren dieser Welt, eine Art meditativer Wegweiser aus eigenen Reflexionen und alten Weisheiten.
Das Esoterik-Buch des 58-Jährigen verschlingen sogar jene, die an den Schalthebeln sitzen. Boris Jelzin outete sich als Anhänger, Jacques Chirac schlug Coelho zum Ritter der Ehrenlegion, und Bill Clinton plauderte mit ihm beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Sind sie willenlose Opfer eines verschwörerischen Geheimbundes? »Ich bin kein Guru«, betont Coelho. »Ich bin ein einfacher Schriftsteller. Ich sage den Menschen lediglich ›du bist nicht allein‹ und rate jedem: ›Glaube an die magische Qualität des Lebens‹.«
»Es ist ein Phänomen, dass heute ein Buch erscheint, um das sich ein Kult entwickelt, ohne dass es zu organisatorischen Strukturen kommt«, sagt Dr. Matthias Pöhlmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. Statt dessen gibt es im Internet Websites zum »richtigen Gebrauch« des Buches, Angebote für Seminare und Workshops sowie selbst ernannte Heiler, die »Lichtarbeit« offerieren. »Die Esoterik-Szene ist sehr marktorientiert«, weiß Pöhlmann.
Den Begriff »Esoterik« prägten die Philosophen der Antike. (Ein Esoteriker ist ein um das innerste Wesen der Dinge Bemühter; esoterisch heißt: schwer verständlich, nur Eingeweihten zugänglich.) Die Denker wollten den Dingen auf den Grund gehen und kombinierten auf der Suche nach Erkenntnis exakte Wissenschaft mit Religion. Sie gründeten eigene »Schulen« und verpflichteten ihre Schü-ler zum Schweigen.
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