Living History
Im Gewand der Germanen
Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Nicht nur in Büchern und Museen kann man erfahren, wie die Germanen lebten: Anhänger der »Living History«-Bewegung (»Gelebte Geschichte«) zeigen, wie es damals war – und orientieren sich dabei am aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung.
Was passiert wohl, wenn man seinen hungrigen Kindern statt Würstchen und Pommes einen deftigen Eintopf serviert? Lautes Stöhnen, wütende Grimassen? Wahrscheinlich. Es sei denn, die Kinder sitzen zusammen mit ihren Eltern in einem Zeltdorf, stecken in historischen Gewändern und schlemmen nach Art der alten Germanen. Dann ist alles anders – und die Suppe aus Hackfleisch, Lauch, Frischkäse und Kräutern verwandelt sich in den reinsten Gaumenschmaus.
»Von allen Mahlzeiten, die wir zubereiten, ist das mein Lieblingsessen«, sagt »Frodi«, Oberhaupt seiner Sippe, »und selbst die Kinder essen gern Eintopf und Gemüse. Es ist eben ein ganz anderes Flair, wenn man am Lagerfeuer gemeinsam ein großes Mahl zubereitet.« Wenn alle Mitglieder versammelt sind, muss das Essen für fast 40 Personen reichen. So viele machen mit bei den »Raetovariern«, einem Verein aus Baden-Württemberg, der das Alltagsleben eines gleichnamigen Teilstammes der germanischen Alamannen nachstellt.
»Frodi« heißt in Wirklichkeit Stefan Müller und ist von Beruf Polizist, aber im Herzen ist er Geschichtsfan und Freizeitgermane. Zunächst wurde ihm das Alamannenmuseum in Ellwangen zur zweiten Heimat, in dem er Besuchergruppen durch die Ausstellung führte. Dort schauten dann auch immer mehr interessierte Freunde vorbei, bis sie schließlich 2005 den Entschluss fassten, das Museum als Gruppe zu unterstützen. Seitdem sind die »Raetovarier« Teil der weitgestreuten »Living History«-Szene, die seit ungefähr zwei Jahrzehnten das Erscheinungsbild von Museumsfesten, Mittelaltermärkten und ähnlichen Events prägt.
Dort kann man ihnen begegnen: Menschen in Ritterrüstungen, in Uniformen römischer Legionäre, in Gewändern von Wikingern, Kelten oder Germanen. Sie haben ihr historisches Interesse zum sichtbaren Hobby gemacht, opfern viel Freizeit und Geld, um sich in ferne Zeiten hineinzufühlen, um Geschichte anschaulich zu vermitteln – oder einfach nur aus Spaß an der Sache. Wie in allen Gruppen üblich, haben sich auch die Mitglieder der »Raetovarier« auf verschiedene Handwerke spezialisiert. Sie können Leder und Stoffe verarbeiten, töpfern, schmieden und backen wie die Alamannen vor rund 2000 Jahren.
Für jeden, der es ernst meint mit der »gelebten Geschichte«, ist Authentizität das oberste Gebot. So auch bei den »Raetovariern«. Bei ihren
alamannischen Personennamen haben sich »Rosalind«, »Alruna«, »Wabilo« und all die anderen an schriftlichen Quellen orientiert, etwa an dem römischen Soldaten Arianus Marcellinus, der den germanischen Stamm beschrieben hat. Um sicher zu sein, dass auch ihre Gewänder und Gerätschaften so originalgetreu wie möglich sind, halten sie sich immer auf dem aktuellen Stand der Forschung.
Stefan Müller steht im Kontakt zu Museen, Denkmal-ämtern und der Universität Tübingen. Wenn neue Erkenntnisse zur Geschichte der Alamannen ans Tageslicht kommen, ist er schnell zur Stelle. Etwa in Heidenheim an der Brenz, wo derzeit die Reste einer alamannisch-römischen Siedlung freigelegt werden. »Sobald neue Funde auftauchen, ruft mich der Ausgrabungsleiter an, damit ich die Objekte fotografieren kann«, sagt er – räumt dann aber ein, dass seine Leute noch nicht dazu in der Lage sind, beispielsweise Schmuckstücke selbst zu rekonstruieren. Dafür unterhalten sie Kontakte zu Profis, bei denen sie so etwas in Auftrag geben. Nur »Lodur der Schmied« ist schon so weit, dass er Waffen selbst anfertigen kann.












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