Weltgeschichte
Kinder auf dem Königsthron
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die jüngsten Staatsoberhäupter konnten noch nicht einmal laufen – trotzdem wurden sie zu Herrschern über große Reiche gemacht. Von Verwandten und Beratern, die selbst nach der Macht strebten.
Autor: Martin Tzschaschel
Was für ein großartiges Schiff! Sanft schaukelt es an der Anlegestelle der Insel im Rhein. Als der kleine Heinrich es sieht, ist er kaum zu halten und rennt los. Ganz nach dem Plan des Kölner Erzbischofs Anno, der auf dem Deck steht. Kaum hat der Elfjährige das Schiff betreten, legt es ab – die Mutter des Jungen bleibt entsetzt am Ufer zurück. Heinrich ahnt, dass er entführt wird, und springt ins Wasser. Doch ein Mann, es ist Graf Ekbert von Braunschweig, springt hinterher und holt Heinrich zurück an Bord. So nimmt die Entführung an diesem Apriltag im Jahr 1062 doch noch ihren geplanten Lauf.
Heinrich ist nicht irgendwer. Er ist zwar erst elf, aber er ist schon mit knapp drei Jahren zum deutschen Mitkönig bestimmt worden und mit sechs zum alleinigen König. Nun verschleppt ihn der Erzbischof ins 40 Kilometer entfernte Köln. Anno weiß: Wer einen minderjährigen Herrscher in seiner Gewalt hat, besitzt Einfluss und Macht wie niemand sonst. Erst recht, nachdem er von Heinrichs Mutter auch noch Schwert und Krone des Jungen erpresst hat. Doch erst drei Jahre später darf Heinrich dieses Schwert selbst tragen. Er wird später einer der bekanntesten deutschen Kaiser: Heinrich IV., der mit 26 Jahren seinen spektakulären »Gang nach Canossa« antritt, um sich dem Papst zu unterwerfen.
Ein Kind auf dem Thron: Konnte das überhaupt gut gehen? Wer hatte mehr zu leiden – das Volk, dem ein erwachsener und weitsichtiger Herrscher vorenthalten wurde? Oder der minderjährige König, der mit dieser Rolle zwangsläufig überfordert war? Diese Fragen sind von Historikern bis heute nicht gestellt worden. Kindliche Herrscher kommen in der geschichtlichen Forschung nur am Rande vor – in der Wirklichkeit dagegen überraschend häufig. Und ihre Schicksale sind ebenso ungewöhnlich wie bewegend.
Ein Blick auf die Herrscher der Vergangenheit zeigt: Es wimmelt nur so von Minderjährigen. Zu allen Zeiten, in den unterschiedlichsten Ländern. Vor mehr als 3300 Jahren im Alten Ägypten:
Tutenchamun – als er König wurde, war er neun. In Israel vor mehr als 2600 Jahren: die Könige Joas und Josia, beide sieben. Im Alten Rom: die Kaiser Gratian, 8, Valentinian II., 4, und acht weitere mehr oder weniger bekannte Namen. Später bei den Goten, Langobarden, Franken, Engländern, Schotten und anderen: das Gleiche.
Auf einer von P.M. erstellten Liste stehen allein die Namen Ludwig, Karl und Heinrich jeweils vier Mal; als sie auf den Thron kamen, waren sie zwischen einem Jahr (der 1211 geborene Heinrich) und 15 Jahre alt (Ludwig III. in Frankreich). Der Osnabrücker Historiker Thomas Vogtherr schätzt, dass es in Europa in den Jahren 1000 bis 1500 mehr als 80 minderjährige Könige und Kaiser gab.
Aber warum? Welchen Sinn hat es, ein Kind, das weder reiten und kämpfen noch lesen und schreiben kann, zum Mächtigsten eines Staates zu erheben? So, wie den vier Monate alten Franken Clothar II., der als König in die Windeln macht? Die Antworten sind überraschend. Noch erstaunlicher aber ist die Antwort auf folgende Frage: Könnte das womöglich auch heute noch passieren? Schließlich existieren in Europa ja noch immer Königshäuser.
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