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P.M. Specials: Das Dritte Reich

Für den Fortschritt taten sie alles ...

Forschung unter dem Hakenkreuz

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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iStockphoto

Richter, Ingenieure, Mediziner, Journalisten – als die NSDAP 1933 an die Macht kam, mussten sie alle hinter der Partei stehen. Doch diese »Gleichschaltung« bedurfte keiner Zwangsmittel, wie aktuelle Untersuchungen zur NS-Geschichte zeigen.

Die Bilder der Ausstellung sprechen eine deutliche Sprache. Kolonnen verzweifelter Menschen, die von Schwerbewaffneten eskortiert werden, Landkarten mit Autobahnverbindungen direkt nach Moskau und auf die Krim, Zeichnungen von »germanischen Musterdörfern« mit Hakenkreuzfahnen und schmucken Bauernhäusern. Der »Generalplan Ost«, 2007 in den Räumen der Münchner Staatsbibliothek in großen Bildtafeln ausgestellt, ließ die Besucher aufschrecken, hatten die meisten doch noch nie über dieses Vorhaben der Nazis gehört: Das eroberte Gebiet in Osteuropa sollte »umgevolkt«, bis zu 30 Millionen Menschen versklavt, deportiert, ermordet werden, um Platz zu schaffen für nachrückende Deutsche in den neuen Lebensraum.

Den mörderischen Plan hatte der Agrarwissenschaftler Konrad Meyer ausgearbeitet und ab 1940 umgesetzt, unterstützt von zahlreichen Forschern aus anderen Disziplinen, die sich vor Eifer überschlugen. Erst nach dem »Endsieg« sollte die wissenschaftlich begründete Säuberungsaktion, die die Gräuel des Holocaust möglicherweise noch in den Schatten gestellt hätte, richtig anlaufen. Deshalb blieben die Pläne weitgehend unbekannt. Die Verwicklung namhafter deutscher Forscher darin erhellt die innige Beziehung der Wissenschaftler zur Nazi-Diktatur.

»Die große Mehrheit der Wissenschaftler wurde nicht ›gleichgeschaltet‹ oder ›missbraucht‹, sondern mobilisierte sich selbst aus freien Stücken für das NS-Regime«, schreibt der Veranstalter der Wanderausstellung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), und räumt mit einem anderen Mythos auf: Die Forschung war alles andere als ideologisch streng ausgerichtet, die braunen Machthaber gestatteten ihr vielmehr eine »Vielstimmigkeit« und »beträchtliche Spielräume«, was den Wettbewerb unter den Forschern und deren Motivation anheizte. Die renommierte DFG gesteht auch ihre eigene Schuld ein, den »Generalplan Ost« selbst mit 510000 Reichsmark unterstützt zu haben – und noch schlimmer: »Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat sich rückhaltlos für die Ziele des NS-Regimes eingesetzt.«

So fasst DFG-Präsident Matthias Kleiner das Ergebnis einer Studie zusammen, die die NS-Geschichte seiner Organisation jetzt unter die Lupe genommen hat. Danach hat die DFG auch verbrecherische Humanexperimente finanziert, darunter Josef Mengeles berüchtigte Zwillingsuntersuchungen. Die bis in die 1990er-Jahre vorherrschende Perspektive, die die deutsche Professorenschaft als Befehlsempfänger und Mitläufer einstufte, wendet sich im Licht neuester Untersuchungen in eine Täterperspektive. Die Bürger mussten sich nicht passiv dem Staatsterror unterwerfen, sondern nahmen aktiv daran teil. So schrieb der Rassenhygieniker Karl Astel, ab 1939 Rektor der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 1935 einen Brandbrief an den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, in dem er forderte, »zur Bereinigung der Judenfrage« die Nürnberger Rassengesetze drastisch zu verschärfen. Niemand hatte ihn dazu aufgefordert.

Tödliche Medizin – Rassenwahn im Nationalsozialismus« hieß eine andere Ausstellung, die vor zwei Jahren im Deutschen Hygiene-Museum die Leipziger aufrüttelte. Alte Ausgaben der »Deutschen Ärzte-Zeitung« mit Hakenkreuz dokumentieren die Bereitwilligkeit vieler Mediziner, der NS-Doktrin eines »biologisch starken Staates« Folge zu leisten. Ab Juli 1933 wurden Menschen mit vermeintlichen Erbkrankheiten zwangssterilisiert, nach Beginn des Krieges ermordet. 200000 Männer und Frauen fielen der »Tötung lebensunwerten Lebens«, wie diese Vernichtungsaktion hieß, zum Opfer, 70000 davon wurden vergast. Hierbei entstand auch der Plan, in den Konzentrationslagern die Juden Europas in Gaskammern zu vernichten. Ärzte ließen Behinderte aber auch mit Hilfe ausgeklügelter »Diätpläne« verhungern, um Aufsehen zu vermeiden. Alle Maßnahmen wurden bis ins Detail dokumentiert, auch die zynische Erkenntnis, dass die »Zwangstötung minderwertigen Lebens« dem deutschen Volk 13482440 Kilogramm Fleisch und 4216440 Kilogramm Butter einsparen half.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)
Autor/in: Wolfgang C. Goede

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