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P.M. Specials: Antikes Rom

Archäologie

Experimentelle Archäologie

Fundstücke aus dem Boden buddeln und in Museen ausstellen – das reicht der jungen experimentellen Archäologie nicht mehr. Die Archäologen bauen Schiffe, Häuser und Waffen nach und testen Werkzeuge, um herauszufinden, wie unsere Vorfahren tatsächlich gearbeitet haben.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Heute gilt das Interesse der Archäologen immer mehr dem historischen Hintergrund: Wie wurden die Gegenstände hergestellt, wie wurden sie benutzt?
iStockphoto

Oft steht noch nicht mal ein vermodertes Wrack zur Verfügung, an dem sich die Archäologen orientieren könnten, wenn sie historische Schiffe nachbauen. Dann muss ein Rumpfabdruck im Boden oder eine in den Fels geritzte Abbildung ausreichen, um Länge, Höhe und Breite des Gefährts zu rekonstruieren. Aber dass die Sache funktioniert, zeigt die Bilanz der vergangenen 15 Jahre: Acht prähistorische Boote, 19 Wikingerschiffe und neun mittelalterliche Koggen sind »wieder auferstanden« – mit enormem Aufwand und in Originalgröße. Führend im Nachbau alter Pötte: Schweden, Finnland, Dänemark, Deutschland, England und die USA. Das finnische Wikingerschiff »Heimløsa Rus« etwa wurde zwischen 1996 und 2001 nicht nur historisch korrekt durch Ost- und Nordsee zur Seine-Mündung und bis nach Paris gesegelt, sondern auch im Mittelmeer und im Schwarzen Meer. Und das Schilfboot »Abora 2« der deutschen »Projektgruppe frühgeschichtliche Seefahrt« simulierte im Jahr 2002 früheste Handelsfahrten zwischen Alexandria, Beirut und Zypern.

Die Archäologie ist dabei, sich neu zu erfinden. Bisher wurden Fundstücke alter Kulturen einfach im Museum ausgestellt, fertig. Heute gilt das Interesse immer mehr dem historischen Hintergrund: Wie wurden die Gegenstände hergestellt, wie wurden sie benutzt? Antworten auf diese Fragen lassen sich nur finden, wenn man das entdeckte Kulturgut unserer Vorfahren nachbaut und in der Praxis ausprobiert – das Forschungsgebiet einer noch jungen Disziplin, der »experimentellen Archäologie«.

Immer wieder hatte es in Deutschland einzelne Wissenschaftler gegeben, die überzeugt waren: Die ganze Wahrheit über Fundstücke aus der Vergangenheit erfährt man nur, wenn man sie auch anwendet, statt sie nur zu beschreiben und zu interpretieren. Aber erst 1985 bekam die Praxis Methode – mit einem Versuch des Münchner Archäologen Marcus Junkelmann. Er trug 300000 Mark an Eigenkapital und Fördermitteln zusammen und bezahlte damit die Rekonstruktion einer kompletten Kampfausrüstung für acht römische Legionäre und einen Centurio, ihren Befehlshaber. Dann kleidete er einen kleinen Trupp Freiwilliger damit ein und schickte ihn im Frühsommer unter Feldzugsbedingungen 540 Kilometer weit von Verona über die Alpen nach Augsburg. Nicht aus Jux und Tollerei: Junkelmann wollte eine Theorie der etablierten Archäologie überprüfen. Danach trugen die Legionäre des Alten Rom bei ihren langen Märschen in die umkämpften Provinzen den Schild und das gesamte »Reisegepäck« auf den Rücken – gehalten von einem einzigen breiten Ledergurt. Dieser verlief vom Griff des Schildes über die Schulter des einen Armes, dann quer über die Brust und unter dem anderen Arm zurück zum Griff. War diese Methode wirklich sinnvoll?

Schon am zweiten Tag wurde der Marsch zur Mega-Strapaze: Schweißausbrüche unterm Kettenhemd, höllisch brennende Füße in den genagelten Sandalen, schmerzende Schultern vom ersten Schritt an. Keuchend schleppten sich die modernen Legionäre durch die Mittagshitze den Pfad zur Veroneser Klause hinauf. Einer von ihnen verstauchte sich den linken Fuß, ein anderer bekam hohes Fieber. Lange vor der Ankunft in Augsburg stand fest: Die bisher gültige Theorie war lebensfern. Unter dem Gewicht des elf Kilogramm schweren Holzschilds und des etwa 15 Kilo schweren Gepäckbündels (Mantel, Schanzzeug, Kochgeschirr und Proviant) schnitt der Tragegurt in den Hals und presste die Brust so stark zusammen, dass den Legionären schon bald die Luft ausging.

So konnte es also nicht gewesen sein. Daraufhin probierte Junkelmann eine Lösung aus, auf die bisher kein Historiker gekommen war. Wenn man einen zweiten Tragegurt am Griff des Schildes befestigte, ihn über die bisher freie Schulter führte und vor der Brust mit dem ersten Gurt verknotete: Dann verteilte sich die Last auf beide Schultern, und der Hals blieb frei – so konnten die Legionäre wesentlich länger durchhalten.

Mit seiner Aktion wurde Junkelmann zum Vorreiter der experimentellen Archäologie in Deutschland. Doch erst 1990 war die junge Disziplin so weit organisiert, dass sie systematisch versuchen konnte, Geschichte aus dem historischen Alltag heraus zum Leben zu erwecken. Den Startschuss gab damals die Ausstellung »Experimentelle Archäologie« im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg. Heute ist diese Art der Altertumskunde bei uns zwar noch kein eigenständiger Forschungszweig, aber ein akzeptiertes Tätigkeitsfeld für Historiker.

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Autor/in: Matthias Weigold

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