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P.M. Specials: Antikes Rom

Caesar

Cäsarenwahn: Ein klarer Fall für den Psychiater

Das teils merkwürdige, teils verbrecherische Verhalten mancher Kaiser lässt an ihrem Verstand zweifeln. Waren Caesar, Caligula und Nero nur rücksichtslos – oder schlicht wahnsinnig?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Perspektive
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Kein Chorknabe: Gaius Julius Caesar wurde mit der Diagnose "Caesarenwahn" bedacht.
Louis le Grand / Wikimedia Commons

Gäbe es einen Wettstreit um den Titel »Gruseligster Kaiser im antiken Rom« – die Wahl zwischen Caligula und Nero fiele schwer. Skrupellose, geltungssüchtige Egomanen waren beide. Der eine, Caligula (37–41 n. Chr.), forderte göttliche Verehrung, zwang Verwandte und politische Gegner, sich zu prostituieren oder umzubringen, schlief mit seiner Schwester, wollte sein Lieblingspferd zum Konsul ernennen, liebte blutige Tierhatzen und Gladiatorenkämpfe. Der andere, Nero (54–68 n. Chr.), ließ seine Mutter Agrippina erst mit dem Schiff versenken und, als sie das wider Erwarten überlebte, in ihrer Villa erdolchen. Beim Selbstmord seiner ersten Frau Octavia half er nach, knapp zwei Wochen später heiratete er dann die zweite, Poppaea Sabina, die er – als sie hochschwanger war – mit einem Tritt in den Bauch tötete. Später zündete er Rom an, um im Zentrum einen goldenen Palast für sich errichten zu können.

Wenn es denn wahr ist. Auf die Gewährsleute war damals wie heute nicht immer Verlass. Die Geschichtsschreiber Sueton, Cassius Dio und Tacitus, alle drei keineswegs Zeitzeugen, sondern Spätgeborene, verfolgten eigene (senatorische) Interessen, als sie die beiden römischen Kaiser als tyrannische Monster darstellten.

Chorknaben waren die beiden Herrscher aber gewiss nicht, obwohl sich zumindest Nero den schönen Künsten verpflichtet fühlte, dichtete, sang und Kithara spielte. Sie waren es so wenig wie Julius Caesar, Commodus, Elagabal, Domitian oder Caracalla, die auch mit der Diagnose »Caesarenwahn« bedacht wurden. Der Begriff »furor principum« (Wahnsinn der Fürsten) geht zurück auf eine Stelle bei Tacitus, den Ausdruck »Caesarenwahnsinn« prägte 1894 der spätere Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde. Es wurde vermutet, dass die über Blutsbande an die Macht gekommenen Herrscher (vor allem der julisch-claudischen Dynastie von 31 v. Chr. bis 68 n. Chr.) mit einem genetischen Defekt behaftet waren, der sie über alle Maßen grausam, größenwahnsinnig, paranoid und pervers werden ließ.

Wer nicht an Vererbung glaubte, machte die ungeheure Machtfülle oder das Wesen des Prinzipats – eine unglückliche Mischung aus Adelsrepublik und Alleinherrschaft – für die kaiserlichen Ausschweifungen verantwortlich. Bis heute überwiegt die Annahme, dass Mord und Totschlag, der Heißhunger nach militärischen Siegen und die größenwahnsinnige Selbstinszenierung eine Folge der Machtausübung im antiken Rom waren, sozusagen eine Art Berufskrankheit der Kaiser.

Der Emotionspsychologe und Psychiatrie-Professor Borwin Bandelow von der Universität Göttingen ist da anderer Meinung: »Der ›Wahn‹ ist nicht Folge der Macht, sondern deren Voraussetzung. Caesar, Nero oder Caligula drehten vermutlich nicht deshalb ab, weil sie mit der Macht nicht zurechtkamen, sondern weil sie eine bestimmte Veranlagung mitgebracht hatten. Heute würde man sagen: Sie hatten eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.«

Was damit gemeint ist: Sie waren innerlich zerrissen, emotional instabil, sprunghaft, sehr leicht kränkbar, überaus ehrgeizig und geltungssüchtig und kaum in der Lage, ihre Gefühle zu kontrollieren. Eine Störung, die Bandelow in seinem 2005 erschienenen Buch »Celebrities« bei einer Reihe von berühmten Menschen diagnostiziert hat: bei Sid Vicious von den »Sex Pistols« etwa, der dem Bruder von Patti Smith das Gesicht zerschnitten und später seine Freundin Nancy Spungen im New Yorker »Chelsea Hotel« erstochen hat; bei Kurt Cobain, der sich eine Kugel in den Kopf schoss; bei Klaus Kinski, der behauptete, mit seiner Schwester geschlafen zu haben; bei Janis Joplin, die ziemliche Komplexe hatte und als Studentin zum »hässlichsten Mann auf dem Campus« gewählt worden war; bei Jimi Hendrix, Elvis Presley, Robbie Williams, Amy Winehouse oder dem bayrischen Märchenkönig, Ludwig II. »In ihrer Seele sah und sieht es aus wie in einem Porzellanladen nach einem Erdbeben der Stärke neun«, sagt Bandelow. Nicht trotz, sondern wegen ihrer Persönlichkeitsstörung seien sie nach oben gekommen, weil sie auf der Suche nach Anerkennung und Beachtung weder auf sich noch auf andere Rücksicht genommen hätten.

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08.05.2009

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