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P.M. Specials: Ägypten

Ägypten

Abenteuerliche Storys aus Ägypten

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Zuzutrauen wäre es ihm. Denn dass die Theben-Episode erfunden ist, wird heute von keinem Fachmann mehr angezweifelt. Nicht nur ist die Geschichte über die priesterliche Ahnenreihe aus Holz historisch fraglich, viel schwerer wiegt, dass Herodot außer dieser Anekdote nichts weiter zu diesem größten und imposantesten Tempel seiner Zeit zu sagen hat. Warum verliert Herodot, der bei der Beschreibung der unterägyptischen Heiligtümer das kleinste Detail erwähnt, kein Wort über die gigantischen Ausmaße und die Pracht des thebanischen Tempels? Weil er in Wirklichkeit nicht dort war. Er hat das sagenhafte hunderttorige Theben mit seinen prachtvollen Heiligtümern nie gesehen, und er macht auch keinen Hehl daraus. Denn welcher auch nur halbwegs gebildete Grieche hätte ihm abgenommen, dass es über Theben nichts weiter zu berichten gäbe als die Anekdote, er habe zufällig die gleiche Touristenführung erhalten wie Hekataios? Vielmehr dürfte dem antiken Zuhörer und Leser bei dieser Passage klar gewesen sein: Hier wurde ein bisschen geschummelt. Und geschmeichelt. Denn mit der Erwähnung des Hekataios spielte der Autor auf die Allgemeinbildung des Lesers an, womit er ihm auf versteckte Weise um den Bart ging. So ließ sich die eigene Wissenslücke elegant überbrücken.

Doch nicht alles, was der Grieche erzählte und aufschrieb, stammt aus dem Reich der Fantasie. So wurde seine in der Vergangenheit vielfach angezweifelte Angabe über einen Necho-Darius-Kanal, einem Vorläufer des Suezkanals, in-zwischen zumindest für die Zeit des Perserkönigs Darius I. (522–486 v. Chr.) archäologisch bestätigt: Man fand nämlich Stelen, die den Verlauf des Kanals markierten. Auch die Erwähnung eines Nubienfeldzuges unter König Psammetich II. (595–589 v. Chr.) gilt inzwischen als historisch gesichert – durch Inschriften in Unternubien und auf dessen Königsstele in Tanis. Dort entdeckten französische Ausgräber auch Königsgräber der 21. Dynastie (1069–945 v. Chr.). Sie erbrachten so den archäologischen Nachweis, dass die Schilderungen Herodots von spätzeitlichen Tempelbegräbnissen stimmen. Allerdings haben sich bei ihm chronologische Ungenauigkeiten eingeschlichen: Herodot spricht von Gräbern der 26. Dynastie (664–525 v. Chr.). Dennoch sind seine Ausführungen über die damals noch nicht allzu lang zurück-liegende Zeit gründlich recherchiert.

Auch kann man nicht nur davon ausgehen, dass sich allein der Autor gewisse Freiheiten genommen hat. Sicher waren auch seine Gewährsleute nicht immer
auf dem Laufenden. So scheint der Grieche nur in Ausnahmefällen mit gebildeten Ägyptern in Kontakt gekommen zu sein. Alle Auskünfte etwa, die er von Priestern erhalten haben will, lassen sich auf Angaben seines Vorgängers Hekataios zurückführen und sind wohl mehr oder weniger abgeschrieben. Herodot selbst ist wahrscheinlich kaum über die scherzenden Fremdenführer auf dem Pyramidenfeld von Gizeh hinausgekommen.

Ein Comic-Zeichner setzte Herodot ein Denkmal
Dennoch hat der Karl May der Antike mehr Einfluss auf die Literatur und Fantasie seiner Nachkommen genommen, als er sich wohl selbst hat träumen lassen: So wirkt etwa seine Erzählung vom geplündertem Schatzhaus des Ramses bis heute in der Geschichte vom Meisterdieb nach. Die Gebrüder Grimm erzählen sie so: Der Meisterdieb, Sohn eines armen Bauern, soll eigentlich vom Grafen wegen seiner Verbrechen gehängt werden. Doch da der Graf der Pate des Diebes ist, lässt er Gnade vor Recht ergehen – allerdings nur, wenn er drei Proben seiner Kunst abgibt. Erstens soll er dem Grafen das streng bewachte Leibpferd aus dem Stall stehlen; zweitens dem Grafen nachts das Betttuch wegnehmen, ohne dass dieser das bemerkt; und drittens soll er den Pfarrer und den Küster aus der Kirche entführen. Mit List und allerlei Tricks löst der Dieb schließlich alle Aufgaben – und bleibt am Leben.

Und auch den Nachkommen der Touristenführer an der Cheopspyramide hat Herodot ein Schnippchen geschlagen: Sie erzählten Ende der 1940er-Jahre dem belgischen Comic-Zeichner Edgar P. Jacobs, dem Erfinder von »Blake und Mortimer«, von einer geheimen Kammer unter der Großen Pyramide. Jacobs nahm dies zur Vorlage für seinen 1950 erschienen Comic-Krimi »Das Geheimnis der Großen Pyramide«, der weltweit Millionenauf-lagen erzielte. Die unwahre Geschichte von der geheimen Kammer geht auf Herodot zurück, dem die ägyptischen Fremdenführer so zu seinem wohl bemer-kenswertesten Denkmal verhalfen.

P.M. HISTORY 08/2005

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 2.6 (5 Bewertungen)
Autor/in: Susanne Voss

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