Ägypten
Abenteuerliche Storys aus Ägypten
Herodot reiste um 450 v. Chr. durch Ägypten und schrieb alles auf, was ihm Priester und Fremdenführer erzählten. Sein Werk gilt als Klassiker der Geschichtsschreibung. Doch Historiker bezweifeln heute so manchen Bericht über Ägypten...
Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
Hier geht's zum aktuellen Heft »
Als Herodot an einem Herbsttag um 448 v. Chr. an der ägyptischen Küste an Land geht, wissen die Ägypter, die den Fremden begrüßen, nicht, dass dieser neugierige Grieche in seiner Heimat bereits berühmt für seine Erzählungen ist. Und so können sie sich nicht vorstellen, dass dieser Mann später auch über sie und das Land am Nil berichten wird. Sie machen sogar noch Witze: Die Inschrift auf der Großen Pyramide sei eine Art Tagebucheintrag, erfährt der Neuankömmling bei seinem ersten Besuch in Gizeh, man habe hier vermerkt, wie viel Rettiche, Zwiebeln und Knoblauch die Bauarbeiter verzehrt hätten. Der Fremde ist begeistert, zückt seine Schreibutensilien und notiert den Unsinn. Es sollte nicht der einzige Schabernack sein, auf den er hereinfällt.
Dabei ist Herodot zum Zeitpunkt seiner Reise bereits Mitte dreißig und hat sich vermutlich gut vorbereitet. Allerdings: So berühmt Herodots Schriften sind, so wenig ist über ihn selbst bekannt. Laut Angabe der römischen Adligen Pamphila, die zu Zeiten Kaiser Neros (54–68 n. Chr.) historische Denkwürdigkeiten sammelte, wird der Grieche 53 Jahre vor Ausbruch des Peleponnesischen Krieges in Halikarnass (heute Bodrum) geboren, also 484 v. Chr. In seiner Familie gibt es bereits einen Schriftsteller – Herodots Onkel Panyassis. Sein Epos »Herakleia« erscheint, als Herodot etwa 15 Jahre alt ist. Das Werk ist heute nicht mehr erhalten.
Herodots Heimat Karien, wie der Landstrich an der Südwestküste der heutigen Türkei damals hieß, verzeichnet zu dieser Zeit einen geistigen Umbruch. Die Menschen geben sich nicht mehr zufrieden mit den herkömmlichen Erklärungen über Entstehung und Aufbau der Welt aus göttlicher Willkür und Mythos. Sie wollen den Dingen auf den Grund gehen. Herodots Landsmann Thales von Milet (um 625–547 v. Chr.) und sein Schüler Anaximander (um 610–546 v. Chr.) deuten die irdischen Abläufe erstmals physikalisch und legen damit den Grundstein nicht nur der Philosophie, sondern auch der Mathematik. Wissensdurst und Rationalität liegen in der Luft.
In diesem Umfeld reift der junge Herodot zu einem Allroundtalent heran, das über kaufmännisches Talent und schauspielerische Begabung verfügt haben soll. Er beginnt zu reisen – nach Athen, Sizilien, Babylon, Persien –, hält Vorträge und schreibt seine Erlebnisse nieder. Das Ergebnis ist die Geschichte Griechenlands und des Vorderen Orients von den Anfängen bis etwa 430 v. Chr.: die »Historien«. Herodot versteht unter diesem Begriff übrigens, anders als wir, »Darlegung« oder »Erkundung«.
Schon Cicero lästerte über den griechischen Geschichtsschreiber
Voller Wissensdrang besucht der Grieche auch das Land der Pharaonen, lässt sich von den Ägyptern über die geologische Entstehung, die geografische Ausdehnung des Niltals und über die Quellen des Nils berichten. Da er selbst nicht ägyptisch spricht, verlässt er sich auf Übersetzer. Seine Gewährsleute sind vor allem Priester, doch nicht alles was sie ihm erzählen, übernimmt er ungeprüft: Als sie ihm im Tempel von Sais (einer Stadt im Nildelta) berichten, die Quelle des Stroms sei nachweislich bei Elephan-tine, denn dort sei der Nil so tief, dass selbst ein viele tausend Meter langes Seil nicht den Grund erreicht habe, kommen ihm Zweifel. Nüchtern stellt Herodot fest, dies beweise lediglich, dass »es dort so starke Strudel und Rückströmungen gibt, dass das Senkblei wegen des an die Felsen anbrandenden Wassers nicht auf den Grund hinabgelangen konnte«.
Neben solchen kritischen Gedanken überliefert Herodot jedoch vieles, was dem Reich der Fantasie entstammt. Können wir also seinen Ausführungen trauen? Nur bedingt – das erkannte schon der römische Schriftsteller und Politiker Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.), der über das Mammutwerk des Griechen urteilte: »Sogar bei Herodot, dem Vater der Geschichte, stehen zahllose Fabelerzählungen.«
Was Cicero ahnte, ist heute Gewissheit. Mit Hilfe der modernen Archäologie sind die Altertumsforscher dem geist-reichen Griechen längst auf die Schliche gekommen und stellen fest: Herodot war nicht der systematische und kritische Sammler von Daten, für den man ihn lange hielt. Unbeschwert mixte der schreibende Tourist Fakten mit leichtfertig aufgeschnappten Falschmeldungen, schönte, dramatisierte und scheute sich auch nicht, das eine oder andere zu erfinden, um den Leser bei Laune zu halten. Herodot war kein Historiker. Er schrieb keine Geschichte, sondern Geschichten.
Hervorragendes Material dafür bot das geheimnisvolle Land am Nil, das der Grieche zwischen 448 und 443 v. Chr. für etwa vier Monate bereiste, und dem er das Zweite Buch seiner »Historien« widmete. »Merkwürdige« Sitten herrschten hier. Alles war »anders als anderswo«: Am Nil gingen die Frauen auf den Markt, während die Männer zu Hause blieben und webten; woanders trugen die Priester langes Haar, die ägyptischen Gottesdiener aber schnitten es ab; im Trauerfall ließen sich die Ägypter die Haare wachsen, während es in anderen Ländern geschoren wurde. Jede Beobachtung nahm Herodot begierig auf. Detailreich erzählt er von den so ganz anderen Lebens-gewohnheiten der Ägypter, ihren religiösen Sitten, Beschneidungsriten und Reinheitsgeboten. Selbst die Intimsphäre scheint auf den Kopf gestellt: Die Frauen urinierten im Stehen, beobachtet Herodot, die Männer aber im Sitzen.
- Nil
- Caesars Erbe
- Hatschepsut












Kommentar hinzufügen