Menschheit
Gab es Menschen vor den Menschen?
Heiß diskutiert in der Wissenschaft: Wann hat die Geschichte der Menschheit begonnen? Wirklich erst mit den affenähnlichen Urmenschen Afrikas? Eine Spurensuche nach unseren unbekannten Vorfahren.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin 07/2002
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Die Paläoanthropologen gelten als die streitsüchtigsten Wissenschaftler der Welt. Ihre Kongresse über die Entstehung und Evolution des Menschen arten oft zu Schreiduellen aus. Wenn sie Ausgrabungen machen, müssen sie immer damit rechnen, dass ein anderer ihre Fundstellen besetzt oder mit fadenscheinigen Anzeigen die Polizei auf sie hetzt. Jede Menge gefälschter Unterlagen kursieren in diesem Zweig der Wissenschaft, und immer häufiger ziehen Professoren gegen Konkurrenten vor Gericht. Auf einen gemeinsamen Stammbaum des Menschen konnten sich die zerstrittenen Paläoanthropologen nie einigen. Nur im Groben besteht Einvernehmen darüber, dass der moderne Mensch (»Homo sapiens«) zum ersten Mal vor etwa 500000 Jahren auf der Erde auftauchte, nachdem er sich zuvor fünf bis sieben Millionen Jahre lang den aufrechten Gang und ein extra großes Gehirn antrainiert hatte. Davor gab es nur schimpansen-ähnliche Menschenaffen. Aber selbst diese bescheidene Gemeinsamkeit ist jetzt umstritten. Einige Forscher scheren aus und behaupten: Die ersten Menschen lebten schon zu Zeiten der Saurier – also mindestens 65 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung.
Vielleicht starben sie zusammen mit den Dinos aus, vielleicht haben sie aber auch irgendwo in Afrika in einer Enklave überlebt und brauchten dann Millionen von Jahren, um sich von der Katastrophe zu erholen und die Welt erneut zu erobern. Dass sich in ein und demselben Fachgebiet die Aussagen der Forscher so gravierend unterscheiden, ist ziemlich einmalig in der Wissenschaft – aber erklärlich: Es gibt kaum Beweise, weder für die eine noch für die andere Theorie. Unsere ältesten Vorfahren – wann immer sie gelebt haben – haben keine Geschichtsbücher hinterlassen, sondern nur ein paar versteinerte Knochen, ein paar kaputte Werkzeuge und ein paar Fußspuren in alten Gesteinsschichten. Diese wenigen Belege lassen nahezu jede Interpretation zu – ja, sie fordern die Fantasie der Wissenschaftler geradezu heraus. Es geht ja immerhin um die grundsätzlichen Seinsfragen der Menschheit: Woher kommen wir? Wer hat alles erschaffen? Wohin gehen wir? Das sind Fragen von biblischen Dimensionen. Deshalb ist die Erklärung der Funde aus der Urgeschichte der Menschheit so stark mit Emotionen, mit Angst und Hoffnung besetzt.
Denn was wäre, wenn unsere Vorstellung von der Evolution sich plötzlich als falsch erwiese? Wenn es gar keine lineare Entwicklung vom primitiven Einzeller zum höchst differenzierten Menschen gegeben hätte? Wenn die Evolution in Wahrheit sprunghaft verliefe: hü und hott zur selben Zeit, nur an verschiedenen Orten – ein heterogenes Durcheinander von Weiterentwicklung und Rückschritt? Wie würde die Menschheit reagieren, wenn sich herausstellte, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern eine Laune der Natur? Bereits vor 100 Jahren wagte es der Münchner Urgeschichtler Professor Edgar Dacqué (1878 – 1945), die Evolutionstheorie auf den Kopf zu stellen. Er behauptete, der Mensch sei nicht der bisherige Endpunkt der biologischen Entwicklung, sondern der Ausgangspunkt. Zunächst sei der Mensch ein relativ wenig spezialisiertes Lebewesen gewesen; aus ihm habe sich das Tierreich mit seinen Spezialfähigkeiten entwickelt: der Affe, der sich 100-mal besser als der Mensch durch das Geäst der Bäume schwingen kann; der Tiger, der eine perfekte Tötungsmaschine wurde; der Pinguin, der die Eiseskälte der Antarktis überlebt. Vermutlich haben Dacqués Gedanken nichts mit der Realität zu tun. Aber wissen wir es wirklich besser? Oder ist unsere Vorstellung vom Menschen als Krone der Schöpfung nach einer Millionen Jahre dauernden Entwicklungsgeschichte nur eines von vielen denkbaren Bildern der Welt? Eines, an das wir gern und lange »geglaubt« haben – wie beispielsweise an das ptolemäische Weltbild?
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