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Der Star aus Südtirol

Ötzi – Der Mann aus dem Eis

Vor 5.300 Jahren brach Ötzi im Südtiroler Schnalstal zu seiner letzten Wanderung auf. 1991 wurde seine mumifizierte Leiche im tauenden Gletscher gefunden. Seither fragen sich Wissenschaftler und Fans, wer der Tote wirklich war und was er über sein Leben erzählen kann. Eine Spurensuche.

Südtiroler Archäologiemuseum, Foto: Ochsenreiter

Geboren Ca. 3300 v. Chr., Feldthurns, Italien
Größe 1,65 m
Augen- und Haarfarbe Braun
Gewicht Ca. 50 Kilogramm
Gestorben Ca. 3255 v. Chr., Ötztaler Alpen

 

Der archäologische Sensationsfund Ötzis beschäftigt seit über 20 Jahren Forscher, Konservatoren, Verschwörungstheoretiker und Fans. Mehr als 500 Namen bekam der Tote aus den Bergen von den Medien verpasst, bis man sich auf "Ötzi" einigte, nach dem Ötztal, das auf der österreichischen Seite des Berges liegt, auf dem man ihn fand.

Die Entdeckung Ötzis

Am Donnerstag, den 19.9.1991, fanden zwei Bergwanderer die Mumie Ötzis beim Tisenjoch, 3210 Meter Seehöhe, in den Ötztaler Alpen. Die Fundstelle, eine Felsmulde, war von Gletschereis bedeckt. Durch den heißen Sommer im Jahre 1991 wurde Ötzi durch Abtauen freigelegt.

Der Archäologe Konrad Spindler durfte als erster Fachmann die frisch geborgene Mumie begutachten. In seinem Buch »Der Mann im Eis« fasst er die Antwort zusammen: »Ein prähistorischer Mann mit voller Ausrüstung, das hat noch nie eines Archäologen Auge (...) gesehen.«

Mehrere C14-Untersuchungen des organischen Materials beweisen, dass der Mann aus dem Eis zwischen 3.350 und 3.100 v. Chr. Lebte, sein heutiges Alter beträgt demnach 5.250 Jahre.

Darum blieb Ötzi unversehrt:

  1. Ötzi muss kurz nach seinem Tod durch Schnee und Eis zugedeckt worden sein. Deswegen wurde sein Körper weder von Tieren gefressen noch verweste er.
  2. Die tiefe Felsrinne, in der er lag, schützte den Körper Ötzis.
  3. Bis kurz vor der Entdeckung Ötzis war die Stelle vor Sonnenstahlen, Wind und Wetter geschützt.
     

Ötzis Physiognomie und Ausrüstung

  • Ötzi war 1,60 Meter groß und hatte braune Augen. Er wog 50 Kilo und war etwa 45 Jahre alt. Für die ausgehende Jungstein- und beginnende Kupferzeit ein alter Herr, dennoch war er drahtig und trainiert.
  • Ötzi hatte wellige, dunkelbraune bis schwarze Haare,wahrscheinlich trug er auch einen Bart. Mit der obersten Hautschicht, die sich im Schmelzwasser gelöst und zersetzt haben dürfte, verlor Ötzi auch Haut und Nägel. Nur ein einziger Fingernagel wurde gefunden. Er wies drei Querfurchen auf – Zeichen von drei ernsthaften Erkrankungen im letzten halben Jahr seines Lebens. Feststeht: Ötzi war ein kranker Mann!
  • Auffällig ist außerdem, dass Ötzi keine funktionsfähigen Waffen bei sich trug – außer einem Kupferbeil mit Eibenschaft (61 Zentimeter lang) und einem kleinen Dolch mit Feuersteinklinge.

 

Ötzis Gesundheitszustand

  • Statt zwölf besaß Ötzi nur elf Rippen; die siebte und achte linke Rippe waren einmal gebrochen und wieder verheilt. Die Gelenke waren abgenutzt, seine Blutgefäße verkalkt. Womöglich litt Ötzi unter schmerzhaftem Durchfall, verursacht durch Peitschenwürmer, deren Eier man im Darm fand.
  • An Ötzis Körper fand man über 50 Tätowierungenin Form von Strichbündeln und Kreuzen. Ötzis Tattoos dienten möglicherweise der Schmerztherapie: Sie befinden sich genau an jenen Stellen, unter denen sich altersbedingte Abnutzungen des Skeletts (Arthrose) verbergen.
  • Forscher des Instituts für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie Bozen EURAC haben das Erbgut der Gletschermumie analysiert. Daraus geht hervor, dass Ötzi für heutige Zivilisationskrankheiten anfällig war. Er lebte vor 5.000 Jahren und hatte damals bereits ein Herzinfarktrisiko. Ötzi hatte eine Veranlagung für Arterienverkalkung. Diesen Befund halten die Anthropologen Albert Zink und der Bio-Informatiker Andreas Keller für sehr aufschlussreich. Denn der damalige Mensch war keinen Risikofaktoren ausgesetzt. Er war nicht übergewichtig und hatte viel Bewegung. Seine Ernährung war, nach allem was man weiß, gesund. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind also keine moderne Zivilisationskrankheit, sagen die beiden Forscher.

 

Ötzis Herkunft

Am 19.9.1991 fanden zwei Bergwanderer die Mumie Ötzis beim Tisenjoch, 3210 Meter Seehöhe, in den Ötztaler Alpen

Südtiroler Archäologiemuseum

Auch Ötzis Herkunftsregionwurde ausfindig gemacht. Zunächst gelang es, in Zahnschmelz und Knochen der Mumie bestimmte Isotope nachzuweisen, die sich über die Nahrungsaufnahme im Körper angereichert hatten. Solche Isotope zeigen je nach Beschaffenheit der Böden und Wasserreservoirs eine charakteristische Signatur. 2003 verglich der Schweizer Geologe Wolfgang Müller die Befunde der Mumie mit zahlreichen Boden- und Wasserproben Südtirols. Resultat: Ötzi wuchs im Eisacktal nördlich von Bozen auf, lebte aber als Erwachsener weiter westlich, im unteren Vinschgau. Zeit seines Lebens hat sich der Mann aus dem Eis lediglich in einem Umkreis von 60 Kilometern rund um seine Fundstelle aufgehalten. Die Ergebnisse werden durch Untersuchungen an seiner mitochondrialen DNA gestützt. Sie ist zwar nicht so aussagekräftig wie die genomische DNA, lässt sich aber einfacher nachweisen.

In Ötzis Darm fanden sich außerdem Pollen regionaltypischer Pflanzen, darunter solche der Hopfenbuche, die nur südlich der Alpen vorkommt.

 

Ötzis Todesursache

So spannend es auch wäre, mehr über sein Leben zu erfahren – das größte Geheimnis rankt sich nach wie vor um Ötzis gewaltsames Ende. Die Hintergründe lassen sich wohl nie mehr erhellen.

War auch Ötzi in einen Kampf verwickelt? Zumindest besteht dieser Verdacht: Der australische Molekularbiologe Thomas Loy hat im Südtiroler Archäologiemuseum an der dort ausgestellten Kleidung und Ausrüstung der Gletschermumie Blutspuren entdeckt: an einer Pfeilspitze, einem Pfeilschaft, der Fellkleidung und einem kleinen Feuersteindolch. Überraschendes Ergebnis der DNA-Analyse von Thomas Loy: »Es ist menschliches Blut und stammt von vier verschiedenen Personen.« Und keine dieser vier DNA-Sequenzen stimmt mit der des Eismanns überein!

Doch von wem stammt dieses genetische Material? Und ist es über 5000 Jahre alt? Manche Wissenschaftler sind skeptisch. »Ob die in winzigen Blutstropfen gefundene DNA aus der Steinzeit stammt oder von heutigen Menschen, durch deren Hände Ötzi ging, wird sich wohl nicht mehr klären lassen«, meint zum Beispiel Markus Egg vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Er hat die Restaurierung und Rekonstruktion von Ötzis Kleidung und Ausrüstung geleitet.

Was wir wissen: Ins Schnalstal wanderte Ötzi erst kurz vor seinem Tod, so die neueste Erkenntnis. Warum er sich daranmachte, die Berge zu überqueren und ins Ötztal zu ziehen, ist jedoch weiterhin rätselhaft. Er hatte einiges an Gepäck dabei, aber nahezu keinen Proviant. Lange Zeit dachte man, er hätte sich auf der Flucht befunden, wurde gejagt und schließlich auf dem Tisenjoch zu Tode gebracht. Dass er auf der eisigen Höhe ermordet wurde, steht fest. Eine Pfeilspitze steckt in seinem Oberkörper. Seine Hand wurde, vermutlich im Abwehrkampf, verletzt. Warum dies passierte, bleibt jedoch weiterhin ein Rätsel.

Starb Ötzi an dem Blutverlust – oder an den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas? Tatsächlich konnte ein Forscherteam um den Bozener Radiologen Paul Gostner und den Gerichtsmediziner Eduard Egarter Vigl im selben Jahr eine massive Schädelverletzung nachweisen. Die Wissenschaftler gehen nun davon aus, dass Ötzi zuletzt frontal angegriffen wurde, einen harten Schlag auf den Kopf erhielt und rücklings auf einen Stein fiel, wo er seinen Verletzungen erlag. Dann hätten die Angreifer die Leiche auf den Bauch gedreht und den Pfeil aus der Schulter herausgezogen, wodurch auch der linke Arm unter den Körper geraten sei. Eine im wahrsten Wortsinn »eingefrorene« Momentaufnahme aus der Steinzeit: Der Mann aus dem Eis tauchte genauso wieder aus dem Gletscher auf, wie er vor 5300 Jahren von seinen Mördern zurückgelassen wurde.

Erst vor kurzem wurde den Wissenschaftlern bewusst, dass einer der Knubbel, der im Bauch der Mumie gefunden wurde, gar keine Darmschlinge ist, sondern ein gut gefüllter Magen. Im November 2010 versuchten die Ötzi-Experten daher zusammen mit einem Gastroenterologen, eine Sonde durch Ötzis Mund in seinen Magen zu schieben. Der Versuch misslang, aber durch einen bereits gesetzten Schnitt in der Bauchdecke gelangten sie dennoch ans Ziel. 250 Gramm Speisebrei bargen die Experten, darin »richtige unverdaute, ungekaute Stückchen, die einen unheimlichen Fundus an Informationen bergen«, sagt Egarter-Vigl begeistert. Die erste große Überraschung: »Was da drin ist, ist zum Großteil reines Fett.« Dazu faseriges Material, ein paar Grasstückchen und Baumnadeln. In Ötzis Darm hatte man vor allem Spuren von Getreidekörnern und Beeren gefunden, daher kommt die fettreiche Jause als große Überraschung.

Die Mahlzeit verrät aber noch etwas, und zwar über Ötzis Tod. Die Tatsache, dass die Speisen von der Magensäure noch nicht stark angegriffen sind, lässt darauf schließen, dass Ötzi eine halbe Stunde vor seinem Tod gegessen hat. Und er nahm sich Zeit für seine Stärkung. Das bedeutet, dass der Angriff, der Ötzi schließlich auf dem Tisenjoch zusammenbrechen ließ, völlig überraschend stattfand.

Querschnitt durch Ötzis Schädel, Markierungen betreffen Stellen der Probenentnahme

Krankenhaus Bozen/Abteilung für Radiodiagnostik

Neueste Erkenntnisse: Blutergüsse in Ötzis Gehirn

Anhand stecknadelgroßer Gehirnproben des Gletschermannes haben Forscher jetzt erhebliche Blutergüsse entdeckt, die sich Ötzi vor seinem Tod zugezogen hatte.

In den kürzlich untersuchten Gehirnproben befanden sich Eiweiße von Blutkörperchen und Hirnzellen sowie Nervenstrukturen - die zeigen, dass die Blutergüsse erst unmittelbar vor Ötzis Tod entstanden sind. Diese Erkenntnisse veröffentlichten Forscher um Frank Maixner – der an der Europäischen Akademie in Bozen (Eurac) schon Ötzis Mageninhalt untersuchte – jetzt im Magazin Cellular and Molecular Life. Zu seinem Team gehören auch der Bioinformatiker Andreas Keller von der Universität des Saarlandes in Homburg und der Kieler Mediziner Andreas Tholey. Allerdings ist unklar, ob die vermuteten Blutergüsse von einem Schlag auf die Stirn oder von einem Sturz nach seiner Pfeilverletzung stammen. Die Todesursache von Ötzi sorgt nach wie vor für Rätselraten.

 

Ötzis letzte Ruhe

Im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen hat Ötzi seit März 1998 seine aktuelle Ruhestätte. Dort wird die Mumie in einer Kühlzelle gelagert.

2011 jährte sich der einmalige Fund zum 20. Mal. Aus diesem Anlass wurde die Dauerausstellung aktualisiert und um Ötzis Lebensumstände, die Forschungsergebnisse, die Medienrealität sowie Fiktionen, Fragen und Kuriositäten rund um die Mumie erweitert. Mehr Infos: www.iceman.it

 

Der Ötzi-Fluch

Die Gletschermumie Ötzi hat ihren Findern kein Glück gebracht. Helmut Simon, ein erfahrener Alpinist, der die Mumie entdeckte, stürzte während einer Klettertour 2004 in eine 100 Meter tiefe Schlucht und wurde erst eine Woche später gefunden. Eine "grausame Ironie", befand selbst das Wissenschaftsmagazin Science, habe Simon zum gleichen Schicksal verdammt, wie Ötzi es vor 5300 Jahren erlitt - zum Tod im Eis.

Simon war aber schon das vierte Opfer des "Ötzi-Fluchs". Günter Henn, der Gerichtsmediziner, der Ötzi als Erster untersuchte, starb bei einem Autounfall, ausgerechnet auf dem Weg zu einem Vortrag über den Gletschermann. Anschließend erwischte es den Bergführer Kurt Fritz, der in eine Gletscherspalte stürzte. Er hatte Ötzi aus dem Eis geborgen. Der ORF-Kameramann Rainer Hölzl filmte die Bergungsaktion und erlag bald einem Gehirntumor. Spätere Horrormeldungen rund um den Ötzifluch sind allerdings Erfindungen. So erfreuen sich einige Bergführer, die angeblich ebenfalls Ötzi-Opfer wurden, bester Gesundheit. Die Unglücksserie ist hoffentlich zu Ende.


Eine Dokumentation des Senders ZDFinfo berichtet über die Forschungen an der Mumie. Der Mann aus dem Eis gilt als aufregendstes Zeugnis menschlicher Vergangenheit:

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