Urzeitjäger Ötzi
War es Mord im Eis?
Er starb vor 5000 Jahren auf dem Tisenjoch in den Ötztaler Alpen, Schnee und Eis bedeckten seine Leiche. 1991 fand man ihn im tauenden Gletscher. Heute glauben die Forscher, dass der unbekannte Steinzeitjäger Ötzi das Opfer einer Gewalttat wurde. Eine Spurensuche
Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY 02/2006
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Ein Alpendorf am Ende der Steinzeit. Alles ist friedlich. In den niedrigen, mit Moos und Schindeln gedeckten Holzhütten schlafen die Bewohner, dicht aneinander gedrängt, denn die Nächte sind kühl. Aus dem nahen Bach wabern leichte Nebelschwaden. Plötzlich Lärm, Geschrei, Hundegebell. Die Menschen schrecken aus dem Schlaf. Überfall! Eine Gruppe fremder Krieger hat sich in der Dunkelheit angeschlichen. Brutal fallen die Angreifer über die Schlaftrunkenen her und metzeln sie mit Keulen, Steinäxten und Feuersteinmessern nieder – Männer, Frauen und Kinder sterben.
Auch der Sippenälteste des Dorfes hat sich ins Getümmel gestürzt. Doch gegen die Übermacht der Feinde kann er nichts ausrichten. Er rafft seine Ausrüstung zusammen und flieht. Vermutlich auf einem Pfad vom Südtiroler Schnalstal ins Gebirge. Er führt nach Norden über den Alpenhauptkamm zu den saftigen Hochweiden des Ötztals, auf die noch heute Schnalstaler Bauern ihre Schafe treiben. Mit letzter Kraft schleppt sich der Mann immer höher. Am Tisenjoch in rund 3200 Meter Höhe überrascht ihn ein Wetterumschwung. Völlig erschöpft legt der Flüchtling in einer Felsmulde seine Habe neben sich ab. Er will dort das Ende des Schneesturms abwarten. Im Schutz des Felsens schläft er ein – und wird nie wieder aufwachen. Sanft legt sich der Schnee über den Toten.
So schildert ein Fernsehfilm der britischen BBC die letzten Stunden eines Menschen, der weit über fünftausend Jahre nach seinem Tod zu einer archäologischen Weltsensation werden sollte: Am 19. September 1991 taucht seine Leiche als Mumie aus einem Gletscher wieder auf. Es ist Ötzi, der »Mann aus dem Eis«, die berühmteste Mumie der Geschichte. Die deutsche Fassung des BBC-Films (»Mord im Eis«) wurde im Dezember 2005 ausgestrahlt. Allerdings: Die Geschichte des Überfalls auf Ötzis Dorf ist eine Fiktion und nur eines von drei Szenarien, die der Film anbietet. Die Sache mit dem Überfall ist durchaus sinnvoll: In der Jungsteinzeit war, neuesten Erkenntnissen zufolge, Gewalt an der Tagesordnung. Immer wieder gab es Streit um Äcker oder Weideland, wurden Frauen einer anderen Sippe geraubt.
Wie Steinzeitmenschen miteinander umgingen, enthüllt ein Massengrab in Talheim bei Heilbronn. Dort fand man in einer Grube die Skelette von 34 Männern, Frauen und Kindern, vermutlich sämtliche Bewohner eines jungsteinzeitlichen Dorfes. Den meisten war der Schädel mit Steinbeilen und Keulen eingeschlagen worden, zwei starben durch Pfeilschüsse – ein Massaker, bei dem die Sieger keine Gnade kannten.
War auch Ötzi in einen Kampf verwickelt? Zumindest besteht dieser Verdacht: Der australische Molekularbiologe Thomas Loy hat im Südtiroler Archäologiemuseum an der dort ausgestellten Kleidung und Ausrüstung der Gletschermumie Blutspuren entdeckt: an einer Pfeilspitze, einem Pfeilschaft, der Fellkleidung und einem kleinen Feuersteindolch. Überraschendes Ergebnis der DNA-Analyse von Thomas Loy: »Es ist menschliches Blut und stammt von vier verschiedenen Personen.« Und keine dieser vier DNA-Sequenzen stimmt mit der des Eismanns überein!
Doch von wem stammt dieses genetische Material? Und ist es über 5000 Jahre alt? Manche Wissenschaftler sind skeptisch. »Ob die in winzigen Blutstropfen gefundene DNA aus der Steinzeit stammt oder von heutigen Menschen, durch deren Hände Ötzi ging, wird sich wohl nicht mehr klären lassen«, meint zum Beispiel Markus Egg vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Er hat die Restaurierung und Rekonstruktion von Ötzis Kleidung und Ausrüstung geleitet.
Über das Ende des Eismanns kursierten inzwischen zahlreiche Spekulationen. Auch der BBC-Fernsehfilm vermittelt seinen Zuschauern eine weitere Variante. Danach wird Ötzi von einem Dorfbewohner heimtückisch mit einem Pfeil von hinten angeschossen. Man macht ihn, einen fremden Händler und Heilkundigen, für den Tod eines Jungen verantwortlich, den er mit seinen Künsten nicht von einer schweren Verletzung durch »Geister« zu heilen vermochte. Verwundet schleppt er sich aufs Tisenjoch und verblutet dort.












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