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P.M. Specials: Ötzi

Kein Menschenblut am Dolch

»Ötzi« rehabilitiert

Neueste Forschungen an den Waffen des »Ötzi« entkräften die These, wonach der Gletschermann mit seinem Steindolch und dem Kupferbeil Menschen verletzt haben soll. Im Interview mit P.M. HISTORY gab der Mumienexperte Albert Zink das überraschende Ergebnis seiner Nachuntersuchungen bekannt.

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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War der Gletschermann Ötzi ein Tyrann oder Magier?
Wikimedia Commons

P.M. HISTORY: Vor einem Jahr wurde das Institut für »Mumien und den Iceman« gegründet. Was machte diesen Schritt notwendig?
Albert Zink: Das Problem der letzten Jahre war, dass man bei den Forschungen zur Gletschermumie ein bisschen den Überblick verloren hat. Proben sind weltweit an alle möglichen Institute und Labors verschickt worden, und oft war gar nicht mehr klar, wer gerade an was forscht und welche Ergebnisse dabei herausgekommen sind. Unser Ziel ist nun, das wieder zu bündeln und die zukünftigen Projekte zu koordinieren. Wir sind gerade dabei, alles, was schon publiziert wurde, noch einmal zu überprüfen; das wird in einer Datenbank erfasst und ist dann für jedermann abrufbar. So wird deutlich, welche Erkenntnisse abgesichert sind und wo noch offene Fragen bestehen. Die Proben, die noch irgendwo herumschwirren, wollen wir hierher zurückholen, wohin sie eigentlich gehören. Und wir werden die Zusammenarbeit mit den Medien verbessern, damit das, was an die Öffentlichkeit gerät, auch wissenschaftlich sinnvoll ist.

Hält der Drang der Wissenschaftler zur Gletschermumie unvermindert an?
Sie ist ja bereits sehr eingehend untersucht worden. Daher gibt es jetzt nur noch wenige Spezialisten, die konkrete Projekte planen. Wir prüfen das kritisch und bewilligen nur solche Vorhaben, die wirklich einen Erkenntnisgewinn versprechen. Dabei bevorzugen wir nicht-invasive Verfahren, die also keine Eingriffe in den Körper erfordern. Allerdings hat sich auch die invasive Methode inzwischen stark verfeinert. Wer den Körper untersuchen will, kann das heutzutage mit sehr feinen Instrumenten machen und braucht nur sehr wenig Probenmaterial zu entnehmen. Für eine DNA-Analyse benötige ich natürlich Material von der Mumie, aber während man früher ein halbes Gramm entnehmen musste, reichen heute schon einige Milligramm.

Sie führen auch eigene Untersuchungen durch. Welche Forschungen laufen aktuell an Ötzi?
Dass er an dem Pfeilschuss gestorben ist, weiß man inzwischen; allerdings hat er noch mehrere Wunden am Körper, die man zeitlich noch nicht genau einordnen kann. Dem versuchen wir gerade durch Gewebeuntersuchungen auf die Spur zu kommen, und dabei wenden wir mittlerweile sogar Methoden aus der Nanotechnologie an. An der Struktur des Gewebes können wir nicht nur sehen, ob das ältere oder jüngere Wunden sind, sondern wir erhoffen uns auch mehr Aufschluss über die spezielle Form der Konservierung und Mumifizierung. Denn es ist ja noch nicht endgültig geklärt, wie sich der Mann aus dem Eis so gut erhalten hat.

Was können Sie Näheres zu den Wunden sagen?
Zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand befindet sich eine tiefe Schnittwunde, die wir vor drei Jahren schon einmal untersucht haben. Dabei konnten wir Blutabbauprodukte nachweisen, die zeigen, dass die Wunde schon etwas älter ist und jedenfalls nicht im unmittelbaren Zusammenhang zu seiner tödlichen Pfeilschussverletzung steht. Aktuell untersuchen wir die Stelle, wo der Pfeil eingetreten ist, und bei dieser Wunde sind keinerlei Veränderungen zu beobachten. Das gleiche gilt für mehrere kleine Hämatome an seinem Rücken. Auch bei diesen Blutergüssen sieht es so aus, als seien es frische Verletzungen, die er sich also zeitgleich zu der Pfeilschussverletzung zugezogen hat.

Konnten Sie Blutspuren nachweisen?
Auch das untersuchen wir momentan. Bislang ist es noch nicht gelungen, Blutreste zu finden, die sich zweifelsfrei dem Mann aus dem Eis zuordnen lassen. Aber wir sind jetzt auf einem guten Weg, an Material zu kommen und Blutkörperchen wirklich abbilden zu können. Das würde uns die Möglichkeit geben, die Blutgruppe zu bestimmen sowie weitere Faktoren, wie zum Beispiel seinen Immunstatus.

Es wurde doch Blut an den Ausrüstungsgegenständen gefunden, aber das stammte nicht von ihm selbst?
Leider sind die Untersuchungen, die es dazu gibt, nie richtig bestätigt worden. Der australische Wissenschaftler Tom Loy hat vor Jahren behauptet, er hätte Blutspuren von verschiedenen Menschen auf den Ausrüstungsgegenständen, am Dolch usw., entdeckt. Das Problem bei der Sache ist, dass diese Forschungen niemals wissenschaftlich publiziert worden sind. Dennoch ging das groß durch die Medien und hält sich auch heute noch dort. Weil man bislang gar nicht beurteilen konnte, was da wirklich dran ist, haben wir uns mit Hilfe der Gerichtsmedizin nun erneut auf Spurensuche begeben. Und wie es derzeit aussieht, stimmen die bisherigen Ergebnisse in dieser Form nicht. Wir finden zwar Blutspuren, gerade auf seinem Mantel und seiner Grasmatte, die von der Lage her wohl eher von ihm stammen. Es ist ja auch anzunehmen, dass er durch die Verletzungen Blut verloren hat. Aber was damals so medial ins Rampenlicht gerückt wurde, dass sich also auf seinem Dolch und auf dem Beil Blutspuren befänden – das konnten wir bislang nicht bestätigen.

Sie suchen nun also nach seinem eigenen Blut, auf den Ausrüstungsgegenständen und auch an der Mumie selbst?
Genau, wir möchten herausfinden, ob es sein Blut ist, das an der Kleidung haftet, und wie viel er eigentlich durch die Verletzungen verloren hat. Zudem ist denkbar, dass sich irgendwo tierische Blutspuren befinden, weil er ja sicher auch Tiere geschlachtet hat. In den nächsten Schritten werden wir biochemische Untersuchungen vornehmen und deren Ergebnisse später vielleicht auch mit DNA-Tests überprüfen.

Wie schwierig ist die Erforschung der DNA, gibt es da überhaupt noch Reste, auf die man zurückgreifen kann?
Seine mitochondriale DNA hat man ausfindig machen können, doch bisher sind alle Versuche, an seine Kern-DNA heranzukommen, gescheitert – wobei die schon einige Jahre zurückliegen. Die Methodik hat sich aber inzwischen stark verbessert, und wenn man den Erhaltungszustand der Gletschermumie auf biomolekularer Ebene berücksichtigt, kann man schon davon ausgehen, dass zumindest Reste von der genomischen DNA noch vorhanden sind. Dieses Projekt gehen wir gerade an: Wir versuchen, mit den modernsten Verfahren auch noch das letzte Molekül aus der Mumie herauszukitzeln.

Was ließe sich an der Kern-DNA ablesen? Könnten Sie damit bestätigen, dass Ötzi der Südtiroler Volksgruppe der Ladiner entstammt, wie es die Untersuchung der mitochondrialen DNA angeblich gezeigt hat?
Zunächst könnte man zum Beispiel die genomische DNA nach Regionen durchsuchen, die mit bestimmten Krankheiten assoziiert sind. So würden wir erkennen, ob er für gewisse Krankheiten anfällig war. Was seine Herkunft betrifft, so wäre es übertrieben zu sagen, dass er der Volksgruppe der Ladiner entstammt. Er passt aber jedenfalls von seiner DNA her sehr gut in die Region südlich der Alpen. Doch mit der Kern-DNA könnten wir es vielleicht noch genauer bestimmen: Das EURAC-Institut für genetische Medizin hat viele der hiesigen Bevölkerungsgruppen untersucht. Durch einen Abgleich mit diesen Daten könnten wir sogar ermitteln, ob Ötzi noch entfernte Verwandte hier in der Region hat.

Interview: Jens Müller-Bauseneik

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