Atommüll
Entwarnung in 1.000.000 Jahren
So lange soll es dauern, bis wirklich alle Restrisiken abgebaut sind. Bis dahin muss unser ständig wachsender Atommüll gelagert werden. Doch wo? Im Erdinneren, im Meeresgrund, im Weltall? Wissenschaftler tüfteln an acht Methoden, von denen eine abenteuerlicher klingt als die andere.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
Hier geht's zum aktuellen Heft »
Wer will schon radioaktiven Abfall? Die Winzer der Champagne jedenfalls nicht. Unmittelbar in der Nähe ihrer Weinberge, in Soulaines, lädt die französische Atomenergiebehörde seit 2006 schwach und mittelradioaktiven Müll ab. Nun wurde das erste Leck in der Anlage repariert, und den Weinbauern platzte der Kragen. Die Klage läuft - wie im deutschen Gorleben und wie zuvor in La Hague, Sellafield und anderen Lagerstandorten. Atomkraft macht Ärger - und Dreck. Doch der soll jetzt weg. Die EU-Kommission hat Europas Regierungen letzten Herbst aufgefordert, bis 2015 endlich konkrete Pläne für Endlagerstätten vorzulegen. »Jedes Land beseitigt seinen eigenen Müll«, lautet künftig das Motto. Und das zu Recht. In 14 EULändern gibt es 140 Kernkraftwerke, aber nirgends einen Bestimmungsort für deren abgenutzte Brennstäbe. Weltweit existieren keine Endlager: Die 436 Kernkraftwerke der Erde produzieren jährlich 350 000 Kubikmeter Atommüll, rund 12 000 Tonnen davon sind hoch radioaktiv. Wohin sollen sie? Unterdessen werden heimatlose, hoch radioaktive Abfälle zwischengelagert oder zur Wiederaufbereitung hin und her gekarrt wie zwischen Frankreich und Russland. Auch schwach und mittelradioaktiver Müll hat mitunter kein sicheres Zuhause: Das deutsche Bergwerk Asse, wo täglich 12 000 Liter Wasser einen Teil der 126 000 Atommüllfässer durchrosten lassen, wird gerade für 3,7 Milliarden Euro wieder geräumt. So mancher Strahlenunrat wird unter der Hand entsorgt, etwa im Ärmelkanal. Oder er verrottet vor aller Augen in alten Containern wie im russischen Sewersk.
Nur wenige Länder können einen Plan aus der Schublade holen. Frankreich und Finnland haben schon Standorte bestimmt, an denen ihr gefährlichster Abfall unterirdisch - zwischen Ton oder Granit – gelagert werden soll. Doch der Rest zögert. Großbritannien, Spanien und Russland beobachten die anderen und erproben, ob Containerlagerung nicht das Unkomplizierteste sei. Deutschland protestiert nach dem Unglück in der Asse heftiger denn je gegen das geplante Endlager in Gorleben. Sogar die wenig zimperlichen USA haben 2009 ihr neun Milliarden Dollar teures Endlager in Yucca Mountain (Nevada) wegen Sicherheitsbedenken aufgegeben. Präsident Obama berief Experten, die alle Möglichkeiten der Atommülllagerung noch einmal abwägen sollen. Die technischen Herausforderungen der Lagerung von radioaktivem Abfall sind enorm. Zunächst, weil abgenutzte Brennstäbe gefährlich sind: Das in ihnen gespaltene Uran hat sich in über 200 gesundheitsschädliche, teils äußerst langlebige Stoffe verwandelt, die alles und jeden kontaminieren, der mit ihnen in Berührung kommt. Schon wenige eingeatmete Milligramm Plutonium rufen Zellschäden, genetische Defekte und Krebs hervor. Damit zu hantieren erfordert einen großen technischen Aufwand. Da manche Plutoniumarten noch nicht einmal nach 387 000 Jahren auf natürlichem Weg zerfallen sind, raten einige Experten dazu, Atommüll grundsätzlich eine Million Jahre von allen Lebenskreisläufen zu isolieren.
»Doch einen Stoff so lange sicher zu lagern kann niemand garantieren«, sagt Tobias Riedl, Atomexperte bei Greenpeace. »Solchen Zeiträumen hält kein Material stand.« Der größte Feind der Atommülllagerung ist das Wasser. Zerstören unterirdische Strömungen die Behälter, verteilt sich die Radioaktivität schnell in der Umgebung. Hinzu kommen gesellschaftliche Probleme. Terroristen könnten Lagerstätten angreifen, neue Regierungen sie nicht weite finanzieren, Kriege und Umweltdesaster sie zerstören. Nichts ist wirklich sicher. Abgesehen davon, dass die Einrichtung eines Lagers, wenn sie alle demokratischen Prozesse durchläuft und alle Klagen übersteht, über 30 Jahre dauern kann. Das Lager Schacht Konrad, das 2017 in Betrieb gehen soll, wurde 1982 beschlossen. Für Greepeace ist die Sache klar. »Es darf kein weiterer Atommüll produziert werden. Erst der Ausstieg aus der Atomkraft macht vernünftige Überlegungen bezüglich des Abfalls möglich«, sagt Tobias Riedl. »Es ist eine Frage der Fairness«, meint hingegen Klaus-Jürgen Röhlig, Professor für Endlagersysteme an der TU Clausthal. »Wer Atomkraft erzeugt, muss auch den Abfall beseitigen. Man sollte die Last nicht nachfolgenden Generationen aufbürden.« Das Problem müsse zügig angegangen werden, denn die Wartung der Zwischenlager werde im Laufe der Jahrzehnte immer komplizierter, teurer und unsicherer. Vier Jahre hat Europa Zeit, nachzudenken.
P.M. Magazin 07/2011
- Panzerschrank
- Wissenschaft & Technik
- Wissenschaft & Technik













Kommentar hinzufügen