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Unterwelt
Schätze aus der Unterwelt
Unter dem Deutschen Museum erstreckt sich eine Unterwelt. Von den ersten Röntgenröhren bis zur Olympiafackel 1972: In den labyrinthischen Gängen finden sich viele Schätze der Technik. Sie sind zu kostbar, um sie den Besuchern zu entziehen. Ein neuer Bildband dokumentiert sie. Darüber hinaus will Generaldirektor Professor Wolfgang Heckl die Exponate der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Hier sieht es sprichwörtlich aus wie bei Hempels unterm Sofa. Unter den akurat durchorganisierten Ausstellungshallen mit Dampfmaschinen, historischen Seglern und Doppeldeckern verbirgt sich eine düstere Unterwelt. Unter den Staubschichten verbergen sich, so viele Technikhistoriker, die wahren Schätze des Deutschen Museums in München.
In den Kellerräumen befindet sich das Depot des immer noch größten und am meisten besuchten Technikmuseums der Welt. Auf der Länge mehrerer Regalkilometer lagert hier alles, was oben keinen Platz findet. Und das ist das meiste.
In einem Jahrhundert sammelte das Museum gut 100 000 Exponate, alljährlich kommen weitere tausend hinzu. Davon werden nur 20 Prozent ausgestellt. Der Rest der historischen Schätze verschwindet in der Unterwelt, lieblos aufeinander gestapelt, chaotisch, größtenteils eher unansehnlich.
Prominentes Fundstück in der musealen Unterwelt: ein Kolben zum Arsen-Nachweis
Der Wert lasse sich nur erahnen, so Museumssprecher Bernhard Weidemann. Zu den hier verborgenen Schätzen, über die der Besucher fast stolpert, gehören die ersten Röntgenröhren, der erste Stahlbetonbau Deutschlands – eine Hundehütte aus dem Jahr 1884, eine Haartrockenhaube aus den 1950-er Jahren, die Olympiafackel von 1972.
Professor Jürgen Teichmann, der frühere leitende Direktor des Hauses mitten auf einer Isar-Insel, hat sich jahrelang um eine Aufarbeitung dieser musealen Unterwelt bemüht. Er trug einzigartige Schätze zusammen, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt.
Darunter befindet sich die Apparatur zum Nachweis von Arsen von James Marsh aus dem Jahre 1836. Bis dahin hatten es Mörder leicht, ihnen lästige Mitmenschen mit diesem Gift aus dem Weg zu räumen. Marshs Nachweisreaktion gehört bis heute zum Standardrepertoire der Chemieausbildung.
Schatz aus der Zeit der Wissenschafts-Gläubigkeit: DDT-Mottenpapier
In der Unterwelt des Deutschen Museums stößt man auch auf eine handgetriebene Bonbonwalze. Damit wurden in den 1920-er Jahren alle damals üblichen Sorten wie Erfrischungsbonbons, Malzbonbons, Hustenbonbons und viele mehr gefertigt. Die Süßware lässt sich in Form von Kakaobohnen, Himbeeren oder Bienen pressen.
Zu den besondereren Schätzen, Ausdruck wissenschaftlicher Naivität und Ignoranz, gehört das so genannte „DDT-Mottenpapier“. Papierkätzchen sind mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel bestäubt und sollen Motten in Kleiderschränken den Garaus machen. Sie stammen aus den USA des Jahres 1960. Damals war die neurotoxische Wirkung von DDT bereits bekannt. Immerhin tragen die Kätzchen folgende Warnung: „Mother don’t let Baby chew this!“ (Mütter, Babys nicht darauf kauen lassen!).
Des weiteren gehören zum Depot auch kostbare Schriften und Quellen aus der Wissenschafts- und Technikgeschichte, darunter das Archiv der TELI, der weltältesten Vereinigung von Technikjournalisten.
Glühlampen, Staubsauger und PCs steigen aus der Unterwelt auf
Diese zuweilen gespenstisch-skurile Unterwelt wurde vom Medienkünstler Jürgen Scriba photografisch aufgearbeitet. Sein Bilderband „Yesterday’s Future“ hat die einsamen Stillleben in den Kellern des Deutschen Museums eingefangen.
Seine Foto-Schätze: eine Glühlampe der 1880-er Jahre aus Edisons Fabrik mit dem noch heute gebräuchlichen „E27“-Schraubsockel, ein elektrischer Staubsauger von 1920, die ersten PCs von IBM von Anfang der 1980-er, die Software noch auf einer Floppy Disk.
Nach der Veröffentlichung von Scribas Buch schloss das Depot seine Türen. Derzeit wird der historische Bau auf der Münchner Museumsinsel saniert. Dazu müssen die Schätze aus seiner Unterwelt ausgelagert werden. Für die nächsten Jahre sind sie der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Danach sollen die Exponate, so Generaldirektor Wolfgang Heckl, an einem zentralen Ort allen Besuchern zugänglich gemacht werden.
Die Unterwelt erhält den ihr gebührenden Platz.
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