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Internet
Die geheimen Supersinne des Internets
Früher befragten die Menschen das Orakel oder die Sterne. Heute haben wir das Netz: Die Datenmassen auf den Servern von Google, Twitter und Facebook erlauben Vorhersagen von Handlungen und Ereignissen mit einer unglaublichen Präzision.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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In die Zukunft schauen zu wollen ist wahrscheinlich das zweitälteste Gewerbe der Welt: Schon bei den alten Griechen bemühten die Priester das Orakel, bei den Chinesen deuteten Seher die Sterne. Die Maya errechneten astronomische Kalender, und im Mittelalter verbreitete Nostradamus mit seinen Prophezeiungen Angst und Schrecken. Auch heute noch haben wir starkes Interesse an der Zukunft. Nur die Mittel, mit denen wir das Kommende vorhersehen wollen, haben sich geändert. Die Glaskugel der Wahrsagerin hat Konkurrenz bekommen: Google, Twitter und Facebook sind inzwischen für Zukunftsprognosen zuständig. Ob es sich um Unwetter, Grippewellen, Börsentrends, Weltuntergänge oder Liebesfragen handelt – das Internet ist das Orakel unserer Zeit. Das Prinzip, nach dem es seine Voraussagen liefert, ist einfach und kompliziert zugleich: Die Datenberge im Netz liefern das Rohmaterial, mit dessen Hilfe Wissenschaftler ihre Prognosen erstellen. Die Kunst der Forscher dabei: die aberwitzigen Mengen an ständig neuen Daten zu bändigen und ihnen auf geschickte Weise die relevanten Informationen zu entlocken. Zu den Pionieren auf diesem Gebiet gehören Johan Bollen, Huina Mao und Xiao-Jun Zeng von der Indiana University/USA und der University of Manchester/ Großbritannien. Im Rahmen einer Langzeitstudie durchforsteten die Wissenschaftler das Sammelsurium an Befindlichkeitsäußerungen in Twitter-Nachrichten. Besondere Aufmerksamkeit schenkten sie dabei emotionalen Begriffen wie »glücklich«, »alarmiert« und »ruhig«.
Die Forscher zählten, wie häufig die Wörter benutzt wurden, und stellten verblüffende Zusammenhänge fest: Je häufiger die positiven Begriffe verwendet wurden, desto höher stieg zur selben Zeit auch der US-Leitindex Dow Jones. Überwogen die negativen Begriffe, sanken kurz darauf die Aktienkurse. Dabei lag die Trefferquote der drei Forscher bei erstaunlichen 87,6 Prozent! Auf ähnliche Weise versuchen auch Verhaltensforscher in die Zukunft zu schauen. Allerdings blicken sie nicht auf globale Größen wie den Dow Jones, sondern auf das Verhalten einzelner Nutzer. Ziel ist herauszufinden, was den Kunden morgen oder übermorgen interessieren könnte. Kauft er sich lieber ein großes Auto, weil er eine Familie gegründet hat, oder sucht er nach dem coolsten Zweisitzer? Wo möchte er die kommenden Ferien verbringen: in der Sonne am Strand oder in den Museen einer Metropole? Um das Verhalten eines Kunden prognostizieren zu können, werden in Internet sogenannte »Cookies« (englisch für »Kekse«) eingesetzt. Es handelt sich dabei um kleine Textdateien, mit denen die Computer potentieller Kunden eindeutig markiert werden. So wird es möglich, das Surfverhalten eines Menschen zu verfolgen. Besonders Onlineshops bleiben ihren Kunden mit dieser Technik über Wochen und Monate auf der Spur und wissen dann, welche Bücher, Schuhe, Waschmaschinen oder auch Immobilien für den Surfer infrage kommen. Die Werbewirtschaft jubelt. Noch nie war es so einfach, die Handlungen ihrer Kunden auszuspähen – und daraus deren künftiges Verhalten vorherzusagen. Voraussagen für die Zukunft zu erstellen ist an sich noch nicht anrüchig – denn, so die These des Zukunftsforschers Matthias Horx, die Menschen sagten schon immer unablässig die Zukunft voraus.
Allerdings ohne davon Notiz zu nehmen: »Das Prognostizieren ist gewissermaßen eine alltägliche Commodity. Wir setzen nicht den Fuß aus der Wohnung, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie es weitergeht. Wir gründen Familien, gehen Ausbildungen ein, machen Reisen, leben immer mit einer bestimmten Zukunfts-Annahme, die gleichzeitig in unsere Handlung eingeht.« Nur taten wir dies bisher einfach für uns selbst – inzwischen jedoch tun es andere für uns. Und ohne uns zu fragen. Mit immer neuen Tricks wird unsere Privatsphäre im Netz zunehmend durchlöchert. Das digitale Ich wird gescannt und ausgewertet. Unsere Wünsche, Sorgen und Absichten werden für viel Geld auf dem globalen Markt gehandelt. Und all das, weil wir mit jeder Aktion im Internet auswertbare Spuren hinterlassen. Wie viele das sind, erfuhr auf drastische Weise der österreichische Jurastudent Max Schrems. Weil er den Datenschutz bei Facebook kritisieren wollte, ließ er sich – auf dem Postweg! – sämtliche Informationen zuschicken, die das soziale Netzwerk von ihm gespeichert hatte. Auf der CD, die anschließend aus Kalifornien eintraf, fand sich eine 496 MB große PDF-Datei. Ausgedruckt waren das 1222 Seiten, bei denen die Bilder sogar noch fehlten. Dafür fanden sich aber alle jemals gelöschten Datensätze wieder. Auch alte Datensätze sind nämlich für Facebook ein Schatz, weil das Unternehmen darauf spezialisiert ist, die Kommunikationswege zwischen Menschen in Werbekanäle umzuwandeln. Immer intensiver nutzen auch die Geheimdienste das Internet als Orakel. So gründeten der Suchmaschinenkonzern Google und der amerikanische Geheimdienst CIA die gemeinsame Firma Recorded Future, die Websites, Blogs und Twitter-Accounts durchforstet, um unter anderem auf Terroristenjagd zu gehen. Wo planen Attentäter den kommenden Anschlag? Welches Ziel haben die feindlichen Raketen? Unter den Anbietern sogenannter OSINT-Software gilt Recorded Future als besonders präzise.
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