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Frühlingsgefühle

Was der Frühling mit uns macht

Das Phänomen hat einen wissenschaftlichen Namen: »Spring Fever«. Gemeint sind damit die sinnlichen Sehnsüchte und der Aufruhr der Gefühle, die uns befallen, wenn die Tage wieder lang sind. Welches sind die Ursachen für den schönsten Fieberschub des Jahres?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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»Spring Fever«: Im Frühling befallen uns sinnliche Sehnsüchte
iStockphoto

Ein kleiner männlicher Kanarienvogel brachte die Forscher auf die richtige Spur. Das ganze Jahr über zwitscherte und trillerte er vergnügt vor sich hin - aber Ende Februar legte sich der Vogel besonders ins Zeug. Plötzlich sang er die schönsten Melodien und ahmte die Lieder anderer Vögel nach. Fast täglich vergrößerte sich sein Repertoire, und im März hielt er kaum noch den Schnabel. Natürlich war klar, dass er damit Weibchen beeindrucken wollte - schließlich stand der Frühling vor der Tür, und bald war es Zeit, für Nachwuchs zu sorgen. Aber wie hatte der Vogel den bevorstehenden Wechsel der Jahreszeiten erkannt? Und was versetzte ihn in die Lage, mit einem Mal so viel besser zu singen als in den Monaten zuvor?

Die Wissenschaftler vermuteten, dass sich die kleinen gelben Vögel am Tageslicht orientieren. Vielleicht hing deren gesteigerte Lust zum exzessiven Trillern damit zusammen, dass die Tage im Frühling immer länger werden? Die Überprüfung der Hypothese war nicht besonders schwierig. Es wurden zwei Gruppen von Vögeln gebildet: Die einen lebten in Käfigen am Fenster, die anderen in ständiger Dunkelheit hinter heruntergelassenen Rollos. Und tatsächlich: Die belichteten Kanarienvögel sangen im Frühjahr viel schöner als die verdunkelten. Auch umgekehrt funktionierte der Versuch. Wenn man die kleinen Sänger nach Einbruch der Dunkelheit mit künstlichem Licht bestrahlte, zwitscherten sie munter weiter - egal, zu welcher Jahreszeit. Ihre allein auf das Sonnenlicht angewiesenen Artgenossen dagegen liefen wie gehabt erst im Frühjahr zur Höchstform auf.

Damit war klar, dass das Licht irgendetwas mit der saisonabhängigen Sangesfreude der Kanarienvögel zu tun hatte. Aber was genau lösteder Frühling in den kleinen Vögeln aus? Um diese Frage zu beantworten, kamen die Forscher auf eine ziemlich brutale Idee: Sie töteten die Vögel und untersuchten ihr Gehirn. Dabei entdeckten sie seltsame Veränderungen: Bestimmte Regionen im Vogelgehirn, vor allem das erbsengroße »Song-Kontrollzentrum«, schwellen im Frühjahr bis auf die dreifache Größe an. Für das Gehirn ist eine solche Vergrößerung bestimmter Areale kein Problem – auch beim Menschen kann es dazu kommen. Bei Profi-Musikern zum Beispiel vergrößern sich die Zentren für Motorik, Sprache und Gehör.

Das im Frühjahr auf XXL-Größe angewachsene Song-Kontrollzentrum der Kanarienvögel schnurrt im Lauf des Sommers wieder auf das ursprüngliche Volumen zusammen. Der Grund: Es ist für den kleinen Vogel viel zu anstrengend, das ganze Jahr mit einem Monster-Gesangszentrum herumzufliegen und die ganze Manneskraft durch Trillern zu verplempern. Das lohnt sich nur in der Brutsaison, wenn es von der Stimme abhängt, ob man ein Weibchen bezirzen kann oder nicht. Den Rest des Jahres verwendet der Vogel seine Energie lieber auf andere Dinge, zum Beispiel die Futtersuche.

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Autor/in: Michael Kneissler

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