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Totes Meer

Wann stirbt das Tote Meer?

Der berühmte Salzsee im Nahen Osten trocknet aus. Die Lage ist so ernst, dass die verfeindeten Anrainerstaaten ein gemeinsames Kanalprojekt zur Rettung erwägen. Doch Umweltschützer warnen vor den Folgen.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Schuld am Austrocknen des Toten Meeres ist die menschliche Gier nach Wasser.
iStockphoto

Fragt der Lehrer: »Was kannst du mir übers Tote Meer erzählen, Fritzchen?« Kontert Fritzchen: »Was, das Meer ist tot? Ich wusste gar nicht, dass es krank war!« Dieser Witz über den weltberühmten Salzsee mit den Anrainern Jordanien, Israel und dem palästinensischen Westjordanland enthält einen wahren Kern: Mit der Gesundheit des Toten Meeres steht es nicht zum Besten. Der Wasserspiegel des tiefstgelegenen Gewässers der Welt sinkt jährlich um über 70 Zentimeter. Heute liegt er mehr als 420 Meter unter dem der Weltmeere. In den 1960er Jahren glitzerte der Salzsee noch 26 Meter höher in der Sonne. Damals nahm das Tote Meer eine Fläche von 950 Quadratkilometern ein, heute ist es rund ein Drittel weniger.

Wie Geowissenschaftler der Universitäten Darmstadt und Hamburg berechnet haben, schrumpft die Seefläche derzeit beschleunigt um etwa vier Quadratkilometer pro Jahr. Nach ihrer Studie gehen seit Ende der 1970er Jahre jährlich etwa 470 Millionen Kubikmeter Wasser verloren – mehr als doppelt so viel wie im gesamten Zeitraum von 1932 bis 1978 und genug, um die Einwohner Kölns ein Jahrzehnt lang zu versorgen.

Die natürliche Verdunstung im Wüstenklima des Toten Meeres fällt dabei als Ursache kaum ins Gewicht. »Die Änderung des Seespiegels ist vorrangig die Folge des Wasserverbrauchs durch den Menschen und keine Folge des Klimawandels«, urteilen die jordanische Geografin Shahrazad Abu Ghazleh von der Technischen Universität Darmstadt und ihre deutschen Forscherkollegen. Gespeist wird der abflusslose Salzsee hauptsächlich vom Wasser des Jordans. Aber schon aus dem Oberlauf des Flusses und aus dessen Zufluss Jarmuk zapft Israel jährlich etwa 575 Millionen Kubikmeter Wasser ab und leitet es in seine dicht besiedelte Küstenebene am Mittelmeer. Obendrein entziehen Syrien und Jordanien dem Jarmuk zusammen pro Jahr etwa 245 Millionen Kubikmeter Wasser.

Stefan Hörmann, Projektleiter der Umweltstiftung Global Nature Fund (GNF) in Bonn, kennt das Ergebnis: » Im unteren Jordan fließen nur noch ungeklärte Abwässer, Oberflächenwasser aus der Landwirtschaft und Salzwasser, das aus Salzwasserquellen nahe dem See Genezareth in den Fluss gelenkt wird.« Flossen aus dem Jordan 1948 noch 1850 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr ins Tote Meer, waren es 2005 nur noch 200 Millionen, berichtet der Geologe Andreas Hoppe von der TU Darmstadt. Inzwischen führt der Fluss noch weniger Wasser. Damit nicht genug: Etwa 260 Millionen Kubikmeter pro Jahr entnehmen Israel und Jordanien dem Toten Meer direkt und entsalzen sie. Außerdem entzieht die Kalisalz-Industrie, angesiedelt im abgetrennten Südteil des Salzsees, dem Nordteil durch einen Verbindungskanal fast noch einmal diese Menge und leitet das Wasser in riesige Verdunstungsbecken, aus denen später als Dünger verwertbare Salze abgeschöpft werden, etwa Carnallit (Kalium-Magnesium-Chlorid). Ohne diesen Sole-Transfer wäre der Südteil längst ausgetrocknet. Der Volumenverlust des Toten Meeres ist so gewaltig, dass pro Jahr mindestens 900 Milliarden Liter Oberflächenwasser zusätzlich in den Salzsee fließen müssten, um allmählich wieder den Wasserstand von 1978 zu erreichen. Doch das ist Wunschdenken, denn der Himmel wird der trockenheißen Region sicher nicht die zweieinhalbfache Regenmenge bescheren.

 

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Autor/in: Yvonne Schmidt

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