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Natur

Fische würden twittern...

Nur scheinbar eine einförmige Masse: Fische im Schwarm sind nicht alle gleich – es gibt „meinungsbildende“ und Mitläufer.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Nur scheinbar eine einförmige Masse: Fische im Schwarm sind nicht alle gleich – es gibt „meinungsbildende“ und Mitläufer
iStockphoto

Fledermäuse würden Facebook favorisieren. Denn sie tun nichts anderes als vernetzungsfreudige Menschen: Sie halten über Jahre hinweg Kontakt zu sehr vielen Vertrauten und Familienmitgliedern, teilen mit ihnen ab und zu das Quartier, um wenig später weiterzuflattern und sich mit anderen „Freunden“ zu treffen, die sie schon lange nicht mehr gesehen haben. Zumindest die Weibchen, denn die Männchen sind Einzelgänger und damit nicht gerade Meister des sozialen Netzwerkens. Auch das erinnert an uns Menschen. Dabei sind Netzwerker klar im Vorteil: Wer dazugehört, genießt in der Tierwelt den besonderen Schutz der Gruppe, wird stets aktuell informiert, weiß, wo es fette Beute gibt oder ob ein Feind naht. Dazu müssen die Mitglieder des Netzwerks die gleiche Sprache sprechen, wie das bei Buckelwalen der Fall ist, die sich zusammentun, wenn sie den gleichen Dialekt beherrschen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Tierwelt ist manchmal so ausgeprägt, dass Erdhörnchen ihr Rudel selbst dann mit schrillen Rufen vor einem Greifvogel warnen, wenn sie den Alarm mit dem Leben bezahlen. Ratten warnen ihre Artgenossen vor vergifteten oder verdorbenen Nahrungsmitteln – eine Information, die sich so nachhaltig in den Köpfen der intelligenten Tiere festsetzen kann, dass ganze Rudel eine Abneigung gegen eine bestimmte Kost entwickeln. Menschen würden mailen, twittern oder facebooken, um Informationen schnell zu verbreiten und Kontakte zu pflegen – doch was wir als neueste Errungenschaft feiern, beherrschen Tiere von Anbeginn an: Social Networking. Erst langsam entschlüsseln Forscher, wie weit verzweigt und effizient sich Tiere vernetzen. Es ist auch nicht so, dass die Schwächsten ihrem Schicksal überlassen werden, wie das Evolutionsbiologen gern glauben machen.

 

„Tiere sind kooperativer, als wir denken“, sagt Gerald Kerth vom Zoologischen Institut der Universität Greifswald. So bugsieren Delfine verletzte oder schwächelnde Gruppenmitglieder über Wasser, damit sie atmen können. Fast so, wie Freunde, Familien oder Dorfgemeinschaften helfen, wenn einer von ihnen krank oder in Not geraten ist. „Dass Tiere kooperieren und soziale Bindungen pflegen, ist gar nicht so außergewöhnlich“, sagt Thilo Gross, Physiker an der Universität Bristol, der Tiernetzwerke erforscht. „Das Einzige, was uns von Tieren unterscheidet, ist, dass wir auch mit Menschen netzwerken, die wir nicht persönlich kennen, etwa über das Internet.“ Gross erforscht das Verhalten von Tieren, weil er sich davon verspricht, auch menschliches Verhalten in der Masse besser verstehen zu lernen: „Die Forschung liefert Hinweise darauf, warum es bei Menschen einerseits eine gewisse Art von Schwarmintelligenz gibt, andererseits aber auch Schwarmdummheit, wenn klar nachteiliges Verhalten durch das Kollektiv befördert wird.“ Wie eng Fluch und Segen von Netzwerken beieinanderliegen können, zeigen Fische. Ein Schwarm hat mehr Augen, kann einen Jäger also früh bemerken und diese Information in dem Pulk gut verarbeiten, sodass die Tiere flüchten oder den Angreifer verwirren können. Dumm nur, wenn etwa das hektische Zucken einiger „meinungsbildender“ Fische von anderen als Gefahr gedeutet wird, was eine Fluchtreaktion auslöst. Doch zu falschem Alarm kommt es relativ selten, nämlich erst, wenn der Punkt des „Phasenübergangs“ erreicht wird, also jener Punkt, ab dem Panik ausbricht. Wann das der Fall ist, lässt sich sogar berechnen. Gross: „Spannend ist, dass der ideale Punkt universellen Gesetzmäßigkeiten folgt, die nicht nur für alle Tierschwärme gelten, sondern auch für die menschliche Meinungsbildung und sogar für die Informationsverarbeitung im Gehirn.“ Anscheinend gibt es eine kritische Masse für das Entstehen von Schwarmverhalten: Glaubt eine genügend große Zahl von Mitgliedern eine Falschmeldung, glaubt der Rest sie auch, ohne sie zu hinterfragen. Die Frage ist nun, welche Mechanismen es sind, die vernetzte Menschen und Tiere Informationen als richtig oder falsch bewerten lassen. Wann wird eine Nachricht geglaubt, wann nicht? Wenn ich etwas von einem Nachbarn höre, glaube ich es dann sofort? Oder warte ich, bis ich es ein zweites Mal höre? Oder ignoriere ich es ganz? „Nach welchen Regeln die Entscheidung fällt, ist weder in der Tierwelt noch beim Menschen voll verstanden“, sagt Gross. In Experimenten mit Fischen und Heuschrecken sucht der Forscher nach diesen Regeln. Er greift dabei auf Modelle zurück, die ursprünglich entwickelt wurden, um die Meinungsbildung bei Menschen zu analysieren.

 

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Autor/in: Chris Löwer

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