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Mumie
Wenn Grufties zu Kronzeugen werden
Europas Gruftmumien sind fast unerforscht. DNA-Tests sollen die gut erhaltenen Toten jetzt zum Reden bringen. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Aus leeren Augenhöhlen blickt der mumifizierte Tote empor zur Gruftdecke, an der im kühlen Luftzug lange Staubfäden tanzen. Auch wenn niemand seinen Namen kennt, weist die einst elegante Perücke den Fremden als Adligen aus. Der staubbedeckte Gehrock und die handgefertigten Schnallenschuhe erzählen von der Mode des Jahres 1769, als das Leben des hohen Herrn endete. Seitdem liegt er bei den Gebeinen von 4000 Menschen in der Wiener Michaelergruft, wo er schließlich gemeinsam mit 22 Zeitgenossen zur Mumie wurde. An wohl kAum einem Ort im deutschsprachigen Raum ist eine so unmittelbare Begegnung mit dem Leben und Sterben der Barockzeit möglich wie am Wiener
Kohlmarkt. Zu Füßen unzähliger Touristen, die hier im Stadtzentrum durch exklusive Boutiquen, Juweliergeschäfte und Konditoreien strömen, erstreckt sich eine 823 Quadratmeter große Gruft. Über ihr erhebt sich die um 1220 erbaute Michaelerkirche, unter deren Mauern schon vor mehr als sechs Jahrhunderten Tote bestattet wurden. Sie flüchteten sich unter den Schutz des Erzengels Michael, der ihren Seelen als Kirchenpatron am Tag des Jüngsten Gerichts beistehen sollte. Nachdenklich blickt Pater Peter van Meijl empor zur erleuchteten Statue des überlebensgroßen Engels, der mit Schwert und Schild über dem Kirchenportal thront. »Jeden Abend, wenn ich die Kirche um 22 Uhr oder später
schließe, spüre ich die Verbundenheit mit der Gruft«, berichtet der 64Jährige.
Neben dem Altarraum hält er deshalb auch das Grabgewölbe für jeden offen. Im Unterschied zu den meisten anderen Mumienfundorten können Besucher mehrmals täglich mit einem Führer hinabsteigen, um dem Tod sprichwörtlich ins Antlitz zu blicken. Pater van Meijl hofft, Menschen so die verdrängte Angst vor dem Sterben zu nehmen: »In der Gruft wird man betroffen, ob man will oder nicht.« Bis heute sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr als tausend Gruftmumien aufgetaucht. Oft liegen sie jahrhundertelang unbemerkt im Keller einer Burg oder in der Krypta einer Kirche, ehe sie oft bei Bauarbeiten ans Licht kommen. Während die Geschichte ägyptischer Mumien erforscht ist, werfen die konservierten Leichen aus Europa noch immer viele Fragen bei Wissenschaftlern auf. Lange hielten sie die mehr oder
weniger gut erhaltenen Toten für eine Laune der Natur, die zufällig zustande kam. Doch nun mehren sich die Zweifel.
Offenbar war es im 18. Jahrhundert in der High Society durchaus erwünscht, nach dem Tod nicht zu Staub zu zerfallen. Dafür spricht ein 300 Jahre alter Brief, in dem eine gewisse Catharina Steinkoppen für ihre Enkelin um einen Platz in der Gruft der Berliner Parochialkirche bittet. Die Tote sollte dort »die Verwesung überstehen«. Im Barock wusste man also von der scheinbar übernatürlichen Kraft dieses Ortes, der Verwesung zu trotzen. Astronomische Summen von umgerechnet bis zu 40 000 Euro berappten wohlhabende Gemeindemitglieder, um sich mit einer eigenen Grabkammer ihren Platz in der Ewigkeit zu sichern. In den Grabkammern nahe Berlin-Mitte ging diese Rechnung für 50 betuchte Verstorbene auf, die weitgehend erhalten blieben. Hinter diesem vermeintlichen Wunder steckt ein raffiniertes Belüftungssystem, das die Grabräume miteinander verband und dem Moder vorbeugte. So herrschte stets Durchzug - ein Mechanismus, von dem auch die Wiener Mumien profitierten. »Überall gab es Luftschächte, die Feuchtigkeit wirksam nach draußen transportierten«, erläutert Gustav Bergmeier bei einem Gang durch die Michaelergruft. Der Diplom-Pädagoge engagiert sich hier seit acht Jahren als Führer und Kunstberater. Mit einer Taschenlampe leuchtet er in einen der offenen Holzsärge und erhellt so die zweite Waffe im Kampf gegen die Verwesung. Im Licht erscheint das zahnlose Gesicht einer Greisin, die auf einem Bett aus Sägespänen ruht. Dieses Polster saugte austretendes Wasser auf und ließ der Fäulnis keine Chance.
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