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Narkose

Was passiert, wenn das Gehirn offline geht?

Ohne Narkose wäre eine Operation Folter. Doch obwohl Ärzte sie seit über 150 Jahren anwenden, ist ihre Funktionsweise weitgehend unbekannt. Neueste Forschungen weisen auf eine bisher unbekannte Ursache der Bewusstlosigkeit: eine Art Gleichschaltung der Neuronen.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Für die Narkose per Spritze reichen ein bis zwei Milligramm Propofol pro Kilogramm Körpergewicht. Jede weitere Stunde müssen sechs bis zwölf
Milligramm verabreicht werden
iStockphoto

Es ist eine Sache von wenigen Augenblicken. Das Piepsen des eigenen Pulses im Ohr, dämmert man in eine seltsame Entspanntheit hinein, die Angst vor dem Chirurgen und seinem Skalpell verflüchtigt sich. Wenig später blinzelt man noch einmal ins kalte Licht und hört die eigenen Lippen die Frage murmeln, wann es denn nun losgehe. Und die OP-Schwester grinst freundlich herab: „Es ist schon alles erledigt.“ Operative Eingriffe gehören heute zu den alltäglichen Vorgängen in der Medizin – und sie haben ihren einstigen Schrecken längst verloren. Mit modernen Narkosemitteln können Ärzte unser Bewusstsein für einen präzisen Zeitraum außer Gefecht setzen. Sie wissen, welche Stoffe sie in welcher Dosierung einsetzen müssen, um uns in einen Zustand der schmerzfreien Umnachtung zu beamen – und sie holen uns per Punktlandung anschließend wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Doch das Kuriose dabei ist: Wie die Mittel wirken, was sie im Einzelnen in unserem Hirn tun, welche Mechanismen sie in Gang setzen, um unser Bewusstsein vorübergehend abzuschalten – das wissen die Mediziner bis heute nicht genau. Sie wollen es aber gern wissen – nicht nur, um die Narkose zu optimieren, sondern auch, um mehr über die Funktion des menschlichen Bewusstseins zu erfahren. Denn das ist immer noch ein großes Rätsel. Die Frage nach dem Wesen des Bewusstseins beschäftigt die Gelehrtenwelt seit der Antike. Noch im frühen 19. JahrhunJahrhundert gingen manche Philosophen davon aus, es handele sich dabei um eine eigentümliche Art von Substanz, einen „mentalen Stoff“.

 

Heute weiß man, dass komplexe Muster elektrischer Aktivität im Gehirn mit bestimmten Bewusstseinsströmen einhergehen – viel genauer ließ es sich bis vor Kurzem nicht sagen. Erst in jüngster Zeit macht die Forschung große Fortschritte in dieser Richtung – auch indem sie neue Erkenntnisse über die Wirkung von Anästhetika gewinnt. So wollte der Neurowissenschaftler Gernot Supp vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wissen, wie sich die Gehirnaktivität von Patienten unter dem Einfluss von Propofol verändert, einem der heute gängigsten Narkosemittel. Es befördert den Patienten binnen wenigen Sekunden in eine tiefe Bewusstlosigkeit. Supp und seine Kollegen ließen den Vorgang quasi in Zeitlupe ablaufen. Sie verabreichten den Probanden die Substanz ganz langsam, in winzigen Dosierungsschritten – um nachzuverfolgen, wie sich die Gehirnaktivität allmählich verändert. Die Frage war, was sich vor allem in jener Phase vor der Bewusstlosigkeit im Gehirn abspielt, wenn der Proband allmählich „wegdämmert“. Mit elektrischen Reizen am Handgelenk prüften sie in kurzen Abständen, wie die Probanden reagierten. Als schließlich der Moment erreicht war, in dem die Bewusstlosigkeit eintrat, stellten die Forscher Verblüffendes fest: Die Reize kamen weiterhin in der Großhirnrinde an – wurden aber in höheren Ebenen des Hirns nicht mehr weiterverarbeitet. Bis vor Kurzem ging man davon aus, dass unter Narkose die Großhirnrinde praktisch keine Reize von außen mehr empfängt. Supps Experiment widerlegt diese These. Was aber genau führt dazu, dass die Verarbeitung der Signale, die Weiterleitung an andere Hirnareale zusammenbricht? Supps Erklärung: Unter der Wirkung von Propofol verändert sich die Grundaktivität des Gehirns – weite Teile der Großhirnrinde beginnen, synchron zu „feuern“. Die Nervenzellen gehen in eine genau gleiche Taktung über, und in diesem Zustand werden die Reize nicht mehr weiterverarbeitet. „Propofol versklavt riesengroße Areale der Großhirnrinde“, erklärt der Wissenschaftler.

 

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Autor/in: Tobias Zick

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