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Täter
Steckt in uns allen ein Mörder?
Seit wir denken können, gibt es sie: Mörder, Verbrecher, Sexualstraftäter. Ihre Gräueltaten lassen unseren Atem stocken. Wo liegt die Wurzel des Bösen? In Gesprächen mit bösartigen Straftätern versuchte der Gerichtspsychiater Reinhard Haller herauszufinden, was aus Menschen Mörder macht.
Über ein Jahr hat Reinhard Haller im Gefängnis verbracht. Ihm reichten rein wissenschaftliche Theorien nicht, wie den meisten anderen Autoren über das Verbrechen. Im direkten Gespräch mit über 300 Tätern wollte er die bösartigen Aspekte ihrer Persönlichkeit erforschen. Er fragte sich, ob es einen „Code des Bösen“ gibt? In seinem Buch „Das ganz normale Böse – Warum Menschen morden“ (Verlag rororo) machte er sich auf die Suche nach Antworten.
Psychopatische Täter gab es besonders häufig in den Konzentrationslagern Nazi-Deutschlands. Ehemalige KZ-Insassen berichten von Prügelexekutionen, die SS-Lagerführer mit krankhafter Freude genossen.
Um einen „Code des Bösen“ definieren zu können, stellt sich die Frage, was einen bösartigen Menschen ausmacht. Für den Psychoanalytiker Otto E. Kernberg gehören dazu vier konkrete Eigenschaften.
Die vier Merkmale eines Täters
Zu einem psychopatischen Menschen gehört eine narzisstische Persönlichkeit. Allerdings nicht im selbstverliebten Sinn. Der narzisstische Täter verschafft sich eine herausragende Position, indem er andere erniedrigt und entwürdigt.
Die zweite Eigenschaft ist antisoziales Verhalten. Dieses zeigt sich etwa schon früh in Schuleschwänzen, Tierquälereien oder Drogenmissbrauch. Antisozialen Tätern fällt es schwer, Beziehungen einzugehen und sie werden schnell straffällig.
Als dritte Eigenschaft nennt Kernberg extremes Misstrauen. Mitmenschen erscheinen grundsätzlich als Feinde. Misstrauische Menschen fühlen sich zudem ständig beobachtet. Aus diesem Verhalten resultiert höchste Vorsicht. Deshalb lassen sich die Täter oft auch nur schwer erwischen.
Die vierte Eigenschaft ist sadistische Aggression. Sie führt in ihrer bösartigsten Form zu der Tat. Eine Steigerung des aggressiven Verhaltens findet dann statt, wenn der Täter dabei Freude oder sexuelle Lust empfindet. Zum Beispiel SS-Sturmführer beim Beobachten einer Prügelexekution.
Vom Opfer zum Täter
Meist werden frühere Opfer später zu Tätern. Ihre Opferrolle hat dazu geführt, dass sie jegliche Gefühle abgetötet haben, damit sie die Qualen ertragen konnten. Dies ermöglicht es ihnen als Täter, ihren Mitmenschen mit Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit zu begegnen.
Den „Code des Bösen“ wirklich entschlüsseln zu wollen, ist laut Haller vermessen. Mit den heutigen Möglichkeiten der Hirnuntersuchung, Genforschung oder Psychologie hat die Forschung vieles über Täter erfahren. Dennoch bleibt dieser letzte Rest, der sich mit keiner Theorie begreifen lässt: der freie Wille des Menschen, sich für das Gute oder Böse zu entscheiden.
Ob das Gewissen in unseren Genen steckt oder uns die Unterscheidung zwischen Gut und Böse angeboren ist, ist nach wie vor nicht geklärt. Treffender als das Lehrbuch gibt der Täter selber über das Bösartige Auskunft.
Ted Bundy, einer der berüchtigtsten Serienkiller, antwortete auf die Frage, ob er Schuld oder Reue empfinde: “Schuldbewusstsein? Das ist der Mechanismus, mit dem Menschen gesteuert werden. Es ist ein gesellschaftlicher Kontrollmechanismus – und er ist sehr ungesund.“
Eben dieser "gesellschaftlich Kontrollmechanismus" soll der ausschlaggebende Punkt sein. Sigmund Freud kam zu der Erkenntnis, dass das Bösartige lediglich von der "Kultur" zurückgedrängt wird. Mit Kultur ist all das gemeint, was der Mensch selbst hervorgebracht hat. In diesem Fall in den Gebieten des Rechts, der Moral und der Religion. Der chinesische Philosoph Hsün Dse hat dies bereits 220 v.Chr. so formuliert: "Der Mensch ist von Natur aus böse; wenn er dennoch gut ist, so ist dies die Frucht der Kultur."
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