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Neurologie

Sitzt das Böse im Gehirn?

Forscher haben markante Auffälligkeiten in Gehirnen von Mördern entdeckt. Wenn solche neuronalen Fehlentwicklungen die Auslöser für Schwerverbrechen sind, hätte das gravierende Folgen für die Strafverfolgung: Kann man Täter dann noch verurteilen?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Neurokriminologen suchen die Ursache von Mordtaten im Tätergerhirn
iStockphoto

Es ist ein kaltblütiges, ein abscheuliches Verbrechen: Im Mai 2009 entführt die italienische Unternehmertochter Stefania A. ihre Schwester Mariarosa, stopft sie mit Psychopharmaka voll, bringt sie um, übergießt den Leichnam mit Benzin und zündet ihn an. Sie versucht, das Auto der Eltern in die Luft zu jagen. Sie vergiftet ihren Vater, sie würgt ihre Mutter mit einem Gürtel und setzt den hilflosen Körper in Brand. Die Frau überlebt schwer verletzt. Stefania A. wird festgenommen und wegen Mordes verurteilt. Dennoch muss die 28-Jährige nicht lebenslänglich ins Gefängnis. Zu verdanken hat Stefania A. das ihrem Gehirn. Es ist böse. Nachweislich. Die Anwälte der Italienerin haben keine Gelegenheit ausgelassen, um diesen Eindruck zu erwecken. Sie fertigten psychologische Gutachten an, sie machten Gentests, vor allem aber überzeugten sie das Gericht mit Bildern aus dem Gehirn von Stefania A. Die Kernspin-Aufnahmen zeigen, dass die Mörderin überraschend wenig Gehirnsubstanz in zwei wichtigen Arealen hat: im vorderen cingulären Kortex sowie in der Insel. Diese Regionen werden mit der Steuerung aggressiven Verhaltens und dem Verlust an Hemmungen in Verbindung gebracht. Der Richterin reichte das, um die Strafe für Stefania A. von lebenslänglich auf 20 Jahre zu reduzieren. Noch sind solche Fälle die absolute Ausnahme. Doch das könnte sich bald ändern: Beim Versuch, die Vorgänge im menschlichen Gehirn und ihre Folgen für das alltägliche Handeln besser zu verstehen, machen Wissenschaftler große Fortschritte.

 

»Alles deutet inzwischen darauf hin, dass es eine biologische Basis für die unterschiedlichen Arten von Kriminalität gibt«, sagt der Psychologe Adrian Raine vom Kriminologischen Institut der University of Pennsylvania. »Das eröffnet uns einen völlig neuen Blick auf das Verbrechen.« Neurokriminologie nennen Raine und seine Kollegen ihr aufstrebendes Forschungsgebiet. Derzeit beschränken sich die Wissenschaftler darauf, Muster in der Funktion der grauen Zellen zu suchen und daraus einen Zusammenhang mit kriminellen Handlungen abzuleiten. Ihr großes Ziel besteht allerdings darin, Veränderungen im Gehirn für Straftaten verantwortlich machen zu können. Noch ist das ein rein wissenschaftliches Unterfangen, die ethischen, moralischen und strafrechtlichen Folgen sind allerdings enorm: Es geht um Schuld, Bestrafung und freien Willen. »Falls Kriminelle eine Fehlfunktion im Gehirn haben, für die sie nichts können, sollten wir sie dann voll verantwortlich machen für ihre Taten?«, fragt Adrian Raine. Fünfzehn Jahre ist es her, dass der Psychologe erste Hinweise auf den Sitz des Bösen gefunden hat. Damals untersuchte Raine die Gehirne von 41 Mördern, und er musste erkennen, dass deren Schaltzentrale ganz anders funktionierte als gedacht: Während bei einer Kontrollgruppe in den Kernspin-Aufnahmen direkt hinter den Augen gelbe und rote Flecken aufleuchteten, die Hirnaktivitäten in dieser Region anzeigten, fehlte dieses Muster bei den untersuchten Mördern fast komplett.

 

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Autor/in: Alexander Stirn

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