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Egoismus

Ich. Ich. Ich.

Sind allle Menschen von Natur aus Egoisten? Oder werden wir es erst im Laufe unseres Lebens? Brauchen wir Egoismus - und wenn ja, wie viel? Die erstaunlichen Antworten der Forschung

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Sogar die menschlichen Organe sind egoistisch. Besonders das Gehirn denkt immer nur an sich selbst
iStockphoto

Die Randale der Jugendlichen in London Anfang August 2011 geriet völlig außer Kontrolle. Häuser brannten, Menschen starben, Geschäfte wurden geplündert. Es ging nicht mehr um Politik und Protest. Es ging nur noch um Gewalt und Gier. Die Kids raubten ihre Nachbarn aus, klauten Smartphones, Flachbildfernseher und MP3-Player – und wenn sich ihnen jemand in den Weg stellte, wurde er totgetreten. Großbritannien war schockiert. Der britische Premier David Cameron sprach von einer »kaputten Gesellschaft«. Schuld an den Krawallen seien Verantwortungslosigkeit und Egoismus. Egoismus: Jeder denkt nur an sich selbst, das Wohl der Allgemeinheit ist egal. Im christlichen Glauben gilt Egoismus als Hauptursache der sieben Todsünden Hochmut, Geiz, Zorn, Wollust, Völlerei, Neid und Faulheit. Im Islam ist Egoismus eine Krankheit der Seele und die Folge von mangelnder Moral. Im Buddhismus heißt es: Der Mensch soll aus der Dunkelheit des Egoismus herausspringen und ein Mensch werden, der den anderen nützt. Egoismus gilt also überall als schlecht. Trotzdem scheint Egoismus eine Grundlage der Natur zu sein. Die Evolutionsbiologie geht davon aus, dass Egoismus die Triebfeder des Lebens ist. »Das gilt für jedes Lebewesen«, sagt der Biologie-Professor Josef Reichholf von der Technischen Universität München, »egal, ob Bakterium, Baum oder Mensch.« Es geht immer darum, sich gegen Konkurrenten durchzusetzen und sein eigenes Erbgut zu vermehren. Mit Nettigkeit und Mitgefühl kommt man dabei nicht weit. »Egal, welches Lebewesen zugunsten anderer etwas abgibt«, sagt Reichholf, »es verschafft der Konkurrenz damit einen Vorteil.« Deshalb teilen Löwen niemals freiwillig ihre Beute (es sei denn, der andere ist stärker). Und auch Unkraut schert sich nicht um zarte Blümchen, die in seiner Nähe wachsen wollen – es nimmt ihnen Licht, Luft und Wasser weg, soviel es nur kann. Selbst im menschlichen Körper gibt es wenig Altruismus (von »alter«, lat.: der andere). Damit werden Selbstlosigkeit, Rücksicht und Kooperationsbereitschaft bezeichnet. Die Organe unseres Körpers kümmern sich zuerst einmal um sich selbst. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das habenNeurobiologen an der Universität Lübeck bei der Erforschung der Stoffwechselkrankheit Adipositas (Fettleibigkeit) entdeckt. Name der klinischen Forschungsgruppe: »Selfish Brain« (selbstsüchtiges Gehirn) – denn ganz oben auf der Liste der körpereigenen Top-Egoisten steht das Gehirn. Es verbraucht von allen Organen des Menschen am meisten Energie, und zwar in Form von durchschnittlich 130 Gramm Glukose (Traubenzucker) pro Tag. Damit es stets gut versorgt ist, wendet das Gehirn ein Verfahren an, das »Brain-Pull« genannt wird. Auf Deutsch: Es zwingt den Körper, immer genügend Glukose herauszurücken. Um das zu erreichen, geben die Versorgungszellen des Gehirns, die Astrozyten, eine Art Glukose-Bestellung auf.

 

Damit die zügig bearbeitet wird, feuern spezielle Neuronen in der Hirnregion des Hypothalamus Befehle in das sympathische Nervensystem, um die Insulinsekretion der Betazellen zu hemmen. Muskel- und Fettgewebe werden damit von der Traubenzucker-Versorgung abgeschnitten, das Gehirn bekommt alles. In Untersuchungen an Hungernden zeigte sich, dass alle Körperorgane bei Auszehrung bis zu 40 Prozent ihres Gewichtes verlieren, nur das Gehirn nicht. Das arbeitet weiterhin auf Hochtouren und lässt die Neuronen im Hypothalamus nun spezielle Signale aussenden, die den Körper dazu bringen, in Heißhungerattacken alles zu verschlingen, was Kalorien enthält. Das Gehirn kassiert den Traubenzucker, der Rest wird im Fettgewebe abgelagert, das ständig wächst. Die Fettleibigkeit ist so gesehen eine Folge des gierigen Gehirns. Ganz nebenbei entwickelt sich dadurch auch gern noch die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus Typ 2). Nur zwei Ausnahmen macht die Natur vom Egoismus – und die sehen in den Augen der Evolutionsbiologen auch nur so aus, als seien sie Ausnahmen. In Wirklichkeit sind sie nach ihrer Meinung nur gut getarnte Egotrips. Die erste Ausnahme ist die von Soziobiologen und Genetikern bewiesene Verwandtschaftsbegünstigung, der Nepotismus: Je enger die Verwandtschaft, desto weniger egoistisch ist das Verhalten. Die engste Form der Verwandtschaft ist die Mutter-Kind-Bindung. Krokodile schützen ihre Babys im eigenen Maul, und Vogeleltern fliegen unermüdlich herum, um ihre plärrende Brut im Nest ausreichend zu versorgen (und magern dabei selbst völlig ab). Auch viele Menscheneltern gehen bis an den Rand der Selbstaufgabe, um ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. »Indem Eltern ihren Kindern helfen«, sagt Reichholf, »optimieren sie die Überlebenschance ihrer Gene, die auch die Kinder tragen.« Die zweite Ausnahme vom Egoismus ist die Symbiose, eine Beziehung, von der beide Seiten etwas haben. Auf Menschen übertragen heißt das: Gibst du mir, gebe ich dir. In der Wirtschaft spricht man von einer Win-win-Situation. Der Mensch lässt beispielsweise Milliarden von Bakterien in seinem Darm leben und versorgt sie mit Nahrungsmitteln. Im Gegenzug helfen die Einzeller bei der Verdauung.

 

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Autor/in: Michael Kneissler

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