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Selbstheilung

Die Kraft der guten Gedanken

"Wunder gibt es immer wieder" lautet ein bekanntes Lied. Auf die Medizin trifft dies tatsächlich zu. Ein Tumor verschwindet über Nacht, Schmerzen gehen plötzlich zurück. Die Selbstheilungskräfte des Körpers sind enorm. Positive Gefühle spielen dabei eine große Rolle.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Perspektive
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Die innere Stärke ist bei manchen Menschen von Geburt an intensiver ausgeprägt als bei anderen. Doch mit der richtigen Einstellung kann jeder selbst dazu beitragen, dass seine seelische Widerstandsfähigkeit wächst
iStockphoto

Die Musik schwoll an und verebbte wieder: Johann Sebastian Bachs "Wohltemperiertes Klavier" lief die ganze Nacht. Dominik Polonski lag im Juni 2005 mit Kopfhörern im Krankenhausbett und lauschte wie in Trance. Er war damals 29, ein erfolgreicher junger Cellist aus Polen, der das Leben eigentlich noch vor sich hatte. Seit zwei Jahren litt er jedoch unter gefährlichen Gehirntumoren. Bei einer Operation wenige Wochen zuvor war ihm ein Viertel des Gehirns entfernt worden, er war nun auch noch halbseitig gelähmt – und verzweifelt. Die Ärzte sagten, ihm bliebe nur, einen bequemen Rollstuhl für den Rest seines kurzen Lebens zu kaufen. Doch nach jener durchwachten und durchträumten Nacht fühlte Polonski sich verändert. Als sich bei der Visite am nächsten Morgen die Ärzte um sein Bett scharten und fragten, wie es ihm gehe, da wusste er in dem Moment, dass er sein Bein wieder bewegen konnte. Er wusste es einfach – und hob es langsam an, unter dem erstaunten Gemurmel der Mediziner. Für Polonski veränderte diese Erfahrung seinen Blick auf die Krankheit: Er begann zu ahnen, dass manchmal im Leben Dinge möglich sind, die zuvor allen unmöglich schienen. Und tatsächlich war das erst der Beginn seiner erstaunlichen Genesung.

 

Rauchen stört den Prozess

Lassen sich Selbstheilungskräfte aktivieren? Haben wir unser Wohlergehen teils selbst in der Hand? Für manchen mag das nach esoterischem Hokuspokus klingen. Doch Wissenschaftler glauben zunehmend, dass sich die natürliche Regeneration des Körpers beeinflussen lässt – zumindest in einigen Bereichen. "Medicus curat, natura sanat", wusste schon Hippokrates: Ärzte kurieren, doch gesunden muss der Körper selbst. Und das tut er auch, unermüdlich, schon um den Verschleiß seiner Bausteine auszugleichen. An einem einzigen Tag ersetzt er mehr als 200 Milliarden rote Blutkörperchen, schiebt mehr als eine Milliarde neuer Hautzellen von den unteren in die oberen Schichten. Richtig in Schwung kommt das Selbstheilungsprogramm jedoch nach einem Angriff: Immunzellen erkennen Eindringlinge und sorgen dafür, dass Viren oder Bakterien eliminiert werden. Osteoplasten reparieren angeknackste Knochen. Und nach einem Schnitt in den Finger dichten Blutplättchen und Fibrin-Klebefäden die Wunde ab, während schon bald unter dem Schorf eine neue Hautschicht heranwächst. Nicht immer unterstützen wir jedoch die Selbstheilungsversuche unseres Körpers. Eine typische "Heilungsbremse" ist zum Beispiel das Rauchen. Es stört die Durchblutung, so dass Immunzellen und andere Reparaturgehilfen schlechter an eine Wundstelle gelangen. Ähnliches gilt, wenn zu viel fettreiche Nahrung die Blutgefäße beeinträchtigt. Besonders problematisch sind aber psychische Belastungen: Dauerstress kann zu Bluthochdruck, zu Magen- und Darmgeschwüren, aber auch zu einer Schwächung des Immunsystems führen. Es gibt Schätzungen aus den USA, dass dort 60 bis 90 Prozent aller Arztbesuche im Zusammenhang mit Stress stehen. Umgekehrt zeigt das Konzept der Salutogenese, das erstmals in den 70er Jahren von dem amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky geprägt wurde, wie heilsam die Frage sein kann: Was tut mir eigentlich gut? Die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen erweist sich dabei als sehr wichtig.

 

Museen stärken das Immunsystem

 

Ein Netzwerk von guten Freunden etwa führt zu seelischer Ausgeglichenheit und verringert so das Herzinfarkt-Risiko, eine harmonische Partnerschaft ist gar die wichtigste Basis für ein gesundes Leben. Partner, die sich häufig küssen und Zärtlichkeiten austauschen, haben eine verringerte Konzentration des Stresshormons Cortisol im Körper, fanden Züricher Wissenschaftler heraus. Wogegen eine 2005 an der Ohio State University durchgeführte Studie zeigt, dass ein aggressiver Streit in der Partnerschaft das Alarm- und Kampfsystem des Körpers antreibt. Dadurch wird die Wundheilung verlangsamt und Entzündungen schwelen länger im Körper. Aber auch die grundsätzliche Einstellung zum Leben ist entscheidend. Pessimisten erleiden häufiger einen Herzinfarkt, weil bei ihnen die Verkalkung der Gefäße schneller voranschreitet, haben niederländische Mediziner herausgefunden. Bei Optimisten liegt der Stresspegel deutlich niedriger, was auch die Blutgefäße stärkt. Sport hingegen verhilft zu einem leistungsfähigeren Immunsystem – denn das muss der Körper nach jedem Training aktivieren, um die von winzigen Muskelverletzungen verbrauchten Zellen zu entsorgen. Auch Kulturliebhaber spornen ihre inneren Heilkräfte an: Forscher der Norwegian University of Science and Technology in Trondheim befragten 51.000 Männer und Frauen und zeigten, dass diese sich deutlich gesünder fühlten, wenn sie regelmäßig in Theater und Museen gingen oder selbst musizierten, malten oder schrieben. Dadurch sinkt der Blutdruck, und die Entspannung wirkt sich positiv auf den Organismus aus. Besonders gut erforscht sind jedoch die wohltuenden Auswirkungen von Meditation – zum Beispiel vom wissenschaftlich begründeten Achtsamkeitstraining MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction). Typische Anwendungsgebiete sind chronische Schmerzen, Depressionen, Süchte und Essstörungen. "Die meisten körperlichen Erkrankungen sind von Schmerzen begleitet und rufen in den Betroffenen Stress hervor", sagt Ulrich Ott, Meditationsforscher an der Universität Gießen. "Achtsamkeitstraining kann den Stress reduzieren, und dadurch nimmt die psychische Belastung ab."

 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.5 (27 Bewertungen)
Autor/in: Dela Kienle

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