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Umgangsformen
Benimm Dich!
Gute Manieren gelten seit jeher als »adliges« Verhalten – selbst wenn Ausnahmen die Regel bestätigen. Aktuell feiert die Kunst der Etikette ein Comeback auch in bürgerlichen Kreisen. Aber wer bestimmt eigentlich, was »richtiges Benehmen« ist – und wer ist damit überfordert?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Perspektive
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Um ihren Kindern vornehmes Verhalten beizubringen, schicken immer mehr Eltern ihre Sprösslinge in sogenannte Benimm-Kurse
Das war zu Beginn des Schuljahres 2003. Die Idee, dass es in deutschen Klassenzimmern ein »Benimm-Fach« geben sollte, wurde heiß diskutiert. Mit der altmodisch betitelten Initiative »Aller Anstand ist schwer« wollte auch Saarlands Bildungsminister Jürgen Schreier (CDU) die Tugend auf den Stundenplan setzen. Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband ließ dagegen verlauten, er halte die schlagzeilenträchtige Show-Veranstaltung eines schulischen Benimm-Faches für einen PR-Gag. Für deutsche Lehrer, so Kraus, sei es doch schon immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, Spielregeln zu vermitteln. Ebenfalls im Herbst 2003: Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, stellt auf der Frankfurter Buchmesse sein Buch »Manieren« vor. Im Speziellen geht es auf 388 Seiten um deutsche Umgangsformen. Und die sind auch jenseits der Schuldiskussion gefragt. Wochenlang führt »Manieren« die »Spiegel«-Bestsellerliste an, und Asserate, der einst selbst die deutsche Schule in Addis Abeba besuchte, später in Tübingen Jura, Volkswirtschaft und Geschichte studierte, avanciert zum neuen Manieren-Papst.
Fernab von »Sitz gerade!«, »Man soll nicht mit vollem Mund sprechen« oder »Leg die Hände beim Essen neben den Teller!«, ist sein Buch genau genommen eine kulturelle Liebeserklärung an Deutschland. Ein Buch, das nach dem Motto funktioniert: Schaut doch mal, was ihr eigentlich habt! Und dennoch: Asserate sagt es mit Überzeugung. Deutschlands aktuelles Benimm-Problem sei Resultat der 68er-Bewegung. Beim Versuch, den bürgerlichen Mief aus dem Fenster zu werfen, sei in der guten Stube ein ordentliches Manieren-Vakuum entstanden. Und wie kann dieses gefüllt werden? Vielleicht mit der Rückbesinnung auf die Tradition. Und wer hortet die Tradition? Der Adel, naturgemäß auch in Deutschland. »Erziehung ist das A und O für einen Sinn im Leben. Ohne diese kleinen Regeln kann man sich ganz schön verlieren, das sehen wir doch immer wieder um uns herum.« So äußerte sich unlängst Gloria von Thurn und Taxis in einem Interview. Wie diese »kleinen Regeln« – die Etikette im deutschen Hochadel im 21. Jahrhundert – aussehen, beschreibt Glorias Standesgenossin Christine Gräfin von Brühl. Die Autorin von »Noblesse oblige. Die Kunst, ein adliges Leben zu führen« (2009) lebt – so steht es im Klappentext – wochentags unter Bürgerlichen in Berlin, am Wochenende und in den Ferien auf den Schlössern der standesgemäßen Verwandtschaft.
Die Journalistin, Jahrgang 1962, studierte Slawistik, Geschichte und Philosophie. Sie beschreibt eine aristokratische Parallelgesellschaft, die kaum ein Außenstehender, so Brühl, kennen würde. Anstand, Manieren und Umgangsformen sind nach wie vor Thema Nummer eins. »Wen begrüßt man? Wie stellt man sich vor? Wie kleidet man sich zu welcher Gelegenheit und Tageszeit? Und wie spricht man mit Prinzen, Fürsten, Erbgrafen (...)?« Nicht zu vergessen die Tischmanieren, die dem Nachwuchs auch unter Strafvollzug nahegebracht werden, wie in der Anekdote über einen Vetter nachzulesen ist, der Wasser über den Esstisch schüttet: »Das Glas kippte. Das Gespräch rund um den Tisch verstummte, alles starrte den Jungen an, alles blickte wortlos auf den kleinen Kerl (...). Mein Vetter musste stehen, bis nach dem ersten Hauptgang, bis nach dem zweiten, ja bis nach dem Dessert. Zu essen bekam er nichts mehr.« Von Brühl berichtet scheinbar freimütig über den Sparsinn, weil im Familienbesitz immer irgendwo renoviert werden muss; über maßgeschneiderte Ballkleider, Lodenmäntel und Shetland-Pullover in den Farben Tannengrün, Marineblau und Bordeauxrot, die auch noch mit Löchern getragen werden, wenn sie nur vom »richtigen« englischen Hersteller sind; über männliche Verwandte, die Jura studieren, und weibliche Verwandte, die nicht zu studieren brauchen, weil sie – in eigenen Kreisen – heiraten und Kinder kriegen. Auch die Konvention der Konversation fehlt nicht: »Man pflegt Selbstironie und gekonnte Frotzelei (...). Bloß keine Sentimentalitäten, ja nicht zu viel Nähe.«
P.M. Perspektive 4/2011
Lesen Sie den vollständigen Artikel in der aktuellen P.M. Perspektive »Die geheime Welt des Adels«– noch bis 03. Februar 2012 im Zeitschriftenhandel.
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