Diese Seite bookmarken:

Diese Seite bookmarken

Musik

Bei Mozart leuchtet das Gehirn

Wie wirkt Musik auf unser Hirn? Einer Antwort auf diese Frage sind wir durch einen Intelligenztest näher gekommen, dessen Ergebnis großes Aufsehen erregte...

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
Hier geht's zum aktuellen Heft »

»Mozart-Musik kann das Gehirn ›aufwärmen‹«, schwärmte Gordon Shaw»Mozart-Musik kann das Gehirn ›aufwärmen‹«, schwärmte Gordon Shaw
»Mozart-Musik kann das Gehirn ›aufwärmen‹«, schwärmte Gordon Shaw
iStockphoto

Eine der Denkaufgaben, welche die Psychologin Frances Rauscher und der Physiker und Neurobiologe Gordon Shaw einer Gruppe von Studenten der University of California in Irvine vorlegten, lautete sinngemäß so: Wenn man in ein zusammengefaltetes Stück Papier bestimmte Formen schneidet und das Blatt hinterher wieder auffaltet – welches Muster hat das so entstandene Papierdeckchen? Die Aufgabenstellung an sich hatte nichts Ungewöhnliches, denn sie war Teil eines ganz normalen IQ-Tests: Sie sollte die Fähigkeit der Probanden zum räumlichen Denken offenbaren.

Doch dann wurde die Aufgabe wiederholt – und die Testbedingungen variiert:

Einer Gruppe der Studenten spielte man vorher zehn Minuten lang Mozarts D-Dur-Sonate für zwei Klaviere vor; eine zweite Gruppe wurde nicht beschallt, und eine dritte Gruppe bekam mehrere Musikrichtungen zu hören, darunter Werke von Philip Glass, einem der Hauptvertreter der »Minimal Music«.

Das verblüffende Ergebnis: Die Gruppe, die verschiedene Klänge gehört hatte, verbesserte ihre Leistung um 11 Prozent und die »stille« Gruppe um 14 Prozent; die Mozart-Hörer aber sagten um 62 Prozent genauer als beim ersten Durchgang voraus, welches Muster das Papierdeckchen haben würde.

»Mozart-Musik kann das Gehirn ›aufwärmen‹«, schwärmte Gordon Shaw. »Wir vermuten, dass differenzierte Musik komplexe Denkvorgänge erleichtert, wie sie bei geistiger Schwerarbeit in der Mathematik oder im Schach gefordert sind. Dagegen könnte monotone Musik das Umgekehrte bewirken.«

Am Tag nach der Veröffentlichung der Studie waren in Irvine sämtliche Tonträger mit Mozart-Werken ausverkauft. Zwei Jahre später schrieb der Musiktherapeut Don Campbell den Bestseller »The Mozart Effect« (»Der Mozart-Effekt«). Seine CD mit ausgewählter Mozart-Musik – verkaufstüchtig vermarktet als »Musik, die Ihre Intelligenz stärkt« – landete unter den zehn Toptiteln der Klassikliste im amerikanischen Magazin »Billboard«. Der Boom war perfekt.

Dass klassische Musik einen starken Einfluss auf unser Gehirn hat, wusste man bereits seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals beschäftigte Shaw sich damit, die Hirnaktivitäten in Computersimulationen sichtbar zu machen. Er erkannte dabei, dass die Nervenzellen des Gehirns Verbände bilden, die in bestimmten Anfeuerungs- und Rhythmusmustern arbeiten. Als er diese Muster vom Computer als Töne wiedergeben ließ, war die Überraschung groß: Das Ergebnis hörte sich an wie Barockmusik, New-Age-Klänge oder östliche Musik. Gemeinsam mit dem Neurobiologen Mark Bodner von der Universität Los Angeles unternahm Shaw einen weiteren Versuch – diesmal mit Bildern der magnetischen Resonanz. Diese zeigten an, welche Teile des Gehirns eines Probanden aktiv waren, während er Mozart, 30er-Jahre-Musik oder »Für Elise« von Beethoven zu hören bekam. Bodner fand heraus: Jede Musik aktiviert den Teil unseres Gehirns, in dem Töne verarbeitet werden – wenn die Versuchspersonen jedoch Mozart hörten, so Bodner, »leuchtete die gesamte Großhirnrinde auf«. Worauf beruhte die Wirkung der Musik dieses Wunderkinds, das ab seinem zwölften Lebensjahr unentwegt komponierte?

Ein weiteres Puzzleteilchen auf der Suche nach dem »Mozart-Effekt« fand der Neurobiologe John Hughes vom Medical Centre der Universität Illinois. Er analysierte zusammen mit einem Musikwissenschaftler Hunderte von Kompositionen verschiedener Musiker. Dabei interessierte ihn, wie oft die Lautstärke der Musikstücke innerhalb bestimmter Zeiträume anstieg oder abfiel. Popmusik und minimalistische Musik, wie etwa von Philip Glass, fanden sich dabei am untersten Ende der Skala, Mozart am oberen. Mozarts Musik weist am häufigsten einen Laut-Leise-Zyklus von dreißig Sekunden auf und entspricht damit einem Grundmuster unserer Gehirnwellen. Mit Werken des musikalischen Genies therapierte Hughes 36 Epilepsie-Patienten. Das Ergebnis: Bei 29 von ihnen waren die Anfälle daraufhin seltener und weniger heftig.

 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.9 (11 Bewertungen)
Autor/in: Sabine Korte


Mehr zum Thema:

Einsortiert unter:

Gehirn  /  Mozart  /  Musik  /  Töne


Dieser Artikel ist Teil des Specials:
Musik  /  Musik