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Begräbnis

Begräbnis als Event – respektlos?

Der Eichensarg, die Predigt und die Trauerfeier, das war gestern. Das Begräbnis löst sich aus der pietvollen Tradition, wird bunter, mitunter schrill, auf jeden Fall individueller. Die Menschen tasten sich an neue Formen des Trauerrituals heran. Der Wirtschaftssoziologe Dominic Akyel vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung hat das Thema durchleuchtet.

Totengedenken in der freien Natur: Der Friedhof als Ort des Begräbnisses hat für viele ausgedient
flickr

Eines der letzten Monopole zerfällt. Die Bestattungskultur in Deutschland wurde bis vor ein paar Jahren hoheitlich per Gesetz geregelt. Deutschlandweit war die Sargpflicht vorgeschrieben, und das Begräbnis regelten seriöse Bestattungsinstitute, meist sehr traditionell und mit wenig Entscheidungsspielraum für die Trauernden.

Jetzt erlaubt das Land Berlin, inbesonders Menschen muslimischen Glaubens, die Bestattung im Leichentuch. Mit der zunehmenden Liberalisierung und Privatisierung des Bestattungswesens sind private Krematorien entstanden. Discounter unter ihnen bieten die Feuerbestattung bereits für wenige hundert Euro an.

Das Begräbnis als Butterfahrt

Wer ein ganz besonderes Erinnerungsstück will, lässt einen Teil der Asche zu einem Diamanten verpressen, den die Hinterbliebenen als Erinnerung an den Toten vielleicht am Ring tragen.

Die Urnen werden statt auf Friedhöfen in Friedwäldern bestattet oder in Kolumbarien. Das sind Mauern mit Nischen zum Aufnehmen der sterblichen Überreste. Nie gab es für die Form des Begräbnisses so viele Möglichkeiten.

Das Begräbnis wird zum Event. „Es gibt sogar Butterfahrten mit dem Bus zu Krematorien in Holland und in Tschechien“, berichtet Dominic Akyel. Auch für Unterhaltung beim Begräbnis wird mittlerweile gesorgt.

Begräbnis in poppig-bunten Särgen

Im Krematorium werden große Tafeln mit Kaffee und Kuchen aufgebaut, ja manchmal führt der Weg dorthin sogar an einem Einkaufszentrum vorbei. Diese Marketingstrategie rund um das Begräbnis senkt auch die Kosten. Die sind für viele Kunden ein wichtiger Faktor geworden, weiß der Max-Planck-Experte.

Begräbnis im traditionellen Sarg mit einer ungewöhnlichen Hülle
arcum.de

Auch wer der Tradition treu und bei den Särgen bleibt, hat heute viel mehr Auswahl als noch vor ein paar Jahren. Da gibt es knallbunte Exemplare, riesige Orchideen überziehen die Deckel. Und mancher, der beizeiten seine letzten Angelegenheiten regelt, verfügt: Bloß keine Trauerfeier, sondern eine richtig große, lustige Party, auf der alle in weißer Kleidung erscheinen.

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Autor/in: Wolfgang C. Goede
14.08.2012


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